Von der weglosen Wildnis zum ortlosen Raum

Orte oder Netze?

Vogelperspektive. Eine Landkarte. Städte. Wege. Was sehen wir? Wege, die sich in Städten kreuzen und verknüpfen? Oder Städte, die durch Wege verbunden werden?

Was wir sehen, hat sich über die Jahrhunderte abendländischer Geschichte hinweg drastisch verändert. Einst, im frühen und hohen Mittelalter, waren Städte der Ort, an dem das Leben stattfand. Städte hatten die sichere Burg, Städte boten den Schutz von Kirche und Gericht, Städte prägten und bezahlten Geld, Städte waren umgeben von der Mauer, die alles Böse, Wilde und Gefährliche draußen hielt. Denn draußen war die Wildnis. Da gab es Wölfe und Bären, so furchterregend für die Menschen, dass die Bilder dieser Angst uns bis heute vertraut sind. Und es gab Räuber und Raubritter, Wegelagerer, die jedes Verlassen der bergenden Stadt zum Wagnis machten. Schon, wer nur außerhalb der Stadtmauern zu wohnen hatte, wie Henker, Schlachter und Schmiede, wurde schräg angesehen, aber wer als Fahrender – sei es als Händler, als Zigeuner oder als Schausteller – in eine Stadt kam, stieß auf Misstrauen und wurde möglichst bald hinauskomplimentiert. Wohl dem, der Geleitbriefe oder Empfehlungen hatte. Denn von draußen konnte nur Übles kommen. Wege waren schlecht und schlammig und wenig mehr als ein notwendiges Übel, weil doch letztlich keine Stadt sich selbst genug sein kann. Aber das Eigentliche war die Stadt. Sie war das „Drinnen“, die Heimat, der Ursprung, der Schutz.

Erst mit dem aufkommenden Merkantilismus begann sich das zu ändern. Kaufleute wurden so selbstbewusst, wie sie wohlhabend wurden; und mit ihnen verlor das Reisen seinen schlechten Ruch. Das Land wurde gezähmt und beherrscht, die Wälder verschwanden, die Wege wurden sicherer. Die Städte wuchsen, zunächst noch in ihren Mauern, irgendwann aber auch darüber hinaus. Zwar warf der Dreißigjährige Krieg die Geschichte noch einmal zurück, machte das Land wieder wüst und die Städte zur (trügerischen) Zuflucht. Aber nur gut hundert Jahre später fing man an, die Stadtmauern zu schleifen. Einerseits boten sie kaum noch Schutz gegen die Künste der Sprengmeister, andererseits aber und vor allem konnten sie die Scharen der Landflüchtigen nicht mehr halten. Und schließlich brauchte man sie auch nicht mehr. Es gab keine Räuberhorden mehr, keine Raubritter, keine Fehden, keine Wölfe, keine Bären. Die Städte grenzten sich nicht mehr ab gegen das Land: Sie beherrschten es.

Zugleich wurden die Wege besser, denn sie wurden mehr benutzt. Händler, Handwerker und Studiosi zogen von Stadt zu Stadt. Der Ortswechsel wurde zum typischen Merkmal einer Biographie. Dynastien, die über Jahrhunderte in einem Ort ansässig gewesen waren – die Bachs in Wechmar, die Morgensterns in Rudolstadt, die Goethes in Frankfurt -, sie fingen an, sich auf Deutschland zu verteilen. Man sieht das sehr schön im Video zu einer in Science erschienenen Studie: Die Forscher versuchten, Kulturgeschichte quantifizierbar zu machen, indem sie zu allen lexikalisch erfassten Personen der letzten Tausend Jahre den Geburts- und den Sterbeort erfassten und verbanden. Man sieht, wie diese ab dem Jahr 1000 zunächst meist nah beieinander liegen, aber mit der Zeit nehmen die Abstände zu, der große Bogen wird zur Regel. Bis schließlich, ab dem 19. Jhd., eine wachsende Zahl von Lebensbögen aus der Karte hinaus führt, meist nach Nordamerika, oder in die Kolonien in aller Welt. Die Stadt als Burg und Heimat hatte ausgedient.

Lebensbögen

Aus: Schich et al. (2014) A Network framework of cultural history. Science 345: 558-562

Doch die Entwicklung ging noch weiter. Zwar wurden die Städte groß, wurden zur Metropole. Zugleich aber wurden sie ununterscheidbar. Ob sich der moderne Jetsetter, das Idealbild der Gegenwart, in Berlin befindet, in New York, in Dubai, in Hongkong, in Tokio oder in Curitiba – das wird er in den verwirrten Minuten nach dem Aufwachen so manches Mal nicht zu unterscheiden wissen. Überall dieselben Wolkenkratzer, die Glasfassaden, die Bankentürme, die Fastfood-Ketten und Weltkonzerne, die Mode- und Bekleidungslabels, das schlechte Englisch. Die Stadt hat ihre Grenzen verloren, sie ist kein Ort mehr, sie hat sich aufgelöst und ist ein Knotenpunkt von Verbindungslinien geworden.

Und weiter: Es ist kein Zufall, dass eines der frühen italienischen Internet-Projekte, lange vor dem Web 2.0, nach Calvino „Le città invisibili“ hieß, „Die unsichtbaren Städte“. (Und noch heute heißen reihenweise italienische Netzwerke so.) Die räumliche, wirkliche Stadt, die notwendig einen festen Ort besetzen und ausfüllen muss, wird im Erleben der Menschen ersetzt durch das Internet, das irgendwer einst zutreffend den „ortlosen Raum“ genannt hat. Ein Gebilde, das nur aus Verbindungen besteht. Darin Terrororganisationen ähnlich, oder den immer gleichen Autobahnen, an denen die Orte nur austauschbare weiße Namen auf blauem Grund sind. Und es ist kein Zufall, dass wir spätestens seit Luhmann auch uns selbst und unsere Gesellschaft so wahrnehmen, als ein Geflecht von Beziehungen, und Beziehungen zwischen diesen Beziehungen, zwischen denen der Mensch und sein Ort nicht mehr vorkommen.

Auf den frühen Landkarten, die man gelegentlich in Museen sieht, sind Küsten eingezeichnet, Ländernamen, und Städte. Vor allem Städte. Auf den meisten Karten, die wir heute benutzen, ist es umgekehrt: Die Orte sind nur noch blaßrosa Flecken auf grünem Grund, aber die Straßen heben sich weiß und gelb bis in die feinsten Verästelungen daraus hervor, sind im Autoatlas sogar überproportional dick, bedecken fast das ganze Land, das sie mit ihrem Netz überziehen. Wir leben nicht mehr an Orten, sondern in einem Netz, und dessen Knotenpunkten.

Man könnte eine Kulturgeschichte entlang dieser Entwicklung schreiben: abendländische Kultur als beschleunigte Bewegung. Und nicht nur das Abendland: Jede Kultur könnte man einordnen auf der Skala von Ort und Weg. Auch das Römische Reich, als es untergegangen war, hinterließ ein Netz von Fernstraßen; auch die Römer hatten die Wildnis durch Wege gebunden. Auch von den Inkas sind die Handelswege geblieben. Spengler sah in jeder Kultur eine schicksalhafte Entwicklung vom Dorf über die Kleinstadt und Stadt zur Metropole. Er hat Recht, aber man muss ihn ergänzen: Der Weg geht vom Pfad über die Straße zur Autobahn, zur Datenautobahn, und darin löst die Metropole sich auf.

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