Die Diversität der Grauen

Im umfangreichen und bewundernswürdigen Werk von Ursula K. LeGuin – Fantasy- und Science Fiction-Schriftstellerin, Anarchistin, Feministin – steht ein schmaler Roman aus dem Jahr 1971 ganz für sich allein: „The Lathe of Heaven“ („Die Geißel des Himmels“) In dieser Dystopie geht es um einen Protagonisten, dessen Träume die beunruhigende Eigenschaft haben, Wirklichkeit zu werden. Er gerät unter den Einfluss eines Psychiaters, der diese Fähigkeit dazu benutzen will, die Welt zu verbessern, indem er ihm eingibt, welche drängenden Probleme im Traum gelöst werden sollen. Aber wie es mit dämonischen Gaben so ist: Sie erweisen sich stets als Danaergeschenk. In einer Nacht sollen die Träume das Problem der Überbevölkerung von sieben Milliarden Menschen lösen. Als der Protagonist am nächsten Morgen erwacht, hat sich die Weltgeschichte geändert: Vor einigen Jahren hat eine Seuche sechs Milliarden Menschen dahingerafft. Niemand weiß, dass die Geschichte noch einen Abend zuvor anders ausgesehen hatte. Nur der Protagonist lebt fortan mit der Schuld, sechs Milliarden Menschen ermordet zu haben.

Ein weiteres Problem ist der Rassismus. Auch dessen Lösung lässt der Psychiater seinen Schützling träumen. Wie kann erreicht werden, dass Menschen nicht mehr aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden?

Am nächsten Morgen haben alle Menschen eine einheitlich graue Hautfarbe.

 

Wie wir damit umgehen, dass Menschen verschieden sind, wird gerade wieder intensiv diskutiert. Ein aktueller Anlass ist die Entlassung des Programmierers James Damore durch Google. Damore hatte in einem nur für die interne Verbreitung gedachten Diskussionsbeitrag (hier der Originaltext) die sogenannte „Diversitäts“-Politik von Google kritisiert. Kurz zusammengefasst findet er: Dass weniger Frauen als Männer bei Google arbeiten, liege wahrscheinlich daran, dass Frauen im Durchschnitt andere Fähigkeiten und Interessen haben als Männer. Der sinnvollste Umgang damit sei, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die diese Geschlechtsunterschiede berücksichtigen.

Damore wurde achtkant rausgeworfen, weil eine grob verkürzte, von jemand anderem an die Öffentlichkeit geleakte Version seines Textes als sexistisch gelesen wurde und einen Shitstorm entfachte. Es geht mir hier und jetzt nicht in erster Linie darum, zu entscheiden, ob Damores Überlegungen sexistisch sind. Einige kluge Leute verneinen das, andere kluge Leute argumentieren weiterhin dafür.

Mich interessiert die etwas grundsätzlichere Frage, welche verschiedenen Vorstellungen von „Diversität“, von Vielfalt, und damit auch von Toleranz hier aufeinanderprallen.

Für Google meint „Diversität“ anscheinend soviel wie: Die Angestellten sollten einen repräsentativen Querschnitt der Gesamtgesellschaft darstellen, im Hinblick auf das, was man als ihre biologischen Charakteristika zusammenfassen könnte: Es sollten angemessen viele Männer und Frauen, Schwarze, Asiaten, Weiße und Latinos, Homo- und Heterosexuelle, Gesunde und Behinderte etc. darunter sein.

Damit steht Google nicht allein. SpiegelOnline sieht das anscheinend ähnlich. In einem kürzlich erschienenen Artikel fordert Barbara Hans wortreich mehr Vielfalt in den Redaktionen und zeigt dabei, was sie mit Vielfalt meint: mehr Frauen, mehr Schwule, mehr Lesben, mehr Arbeiterkinder. Was sie ziemlich deutlich nicht meint, ist: mehr unterschiedliche Weltsichten, Überzeugungen, Meinungen, Denkweisen.

Diesbezüglich aber herrscht in allen großen Redaktionen eine gewaltige Einfalt. Da hilft es nichts, wenn die Redakteure äußerlich bunt sind, wenn im Inneren das Einheitsgrau gewollt ist: klare Bekenntnisse zur transatlantischen „Partnerschaft“, zur neoliberalen Ideologie, zur Agenda 2010, zu Kriegseinsätzen, zur Russophobie . . . Wenn eine lesbische schwarze Arbeitertochter dasselbe denkt und schreibt wie der ältere weiße Familienvater von Adel, besteht „Vielfalt“ nur im Äußeren.

Ebenso wie bei Google. Und wer anders denkt, fliegt.

Wohlgemerkt: James Damore hat nichts Verwerfliches geschrieben. Er hat niemanden verleumdet, er hat nicht zu Mord und Rassenhass aufgerufen, nicht Hitler oder den KKK, ja, nicht einmal Trump verherrlicht. Er hat nur seine eigenen Fakten zusammengesucht und daraus eigene Schlüsse gezogen. Er hat – so nennt man das – nachgedacht. Vielleicht oberflächlich, vielleicht fehlerhaft. Wer wirft den ersten Stein?

Für Google und seine Apologeten ebenso wie für Barbara Hans besteht die Lösung für das Problem, dass Menschen verschieden sind, darin, so zu tun, als wären sie es nicht. Sie sehen alle Menschen grau. Äußerlich mögen sie Männer und Frauen, Schwarze, Weiße und Latinos sein: Innerlich haben sie gefälligst alle dieselben Fähigkeiten, Neigungen und Überzeugungen mitzubringen. „Diversitäts“-Politik besteht anscheinend darin, dass auch jede Frau und jeder Asiat so behandelt wird, als wären sie ein weißer Mann. Inwiefern ein solches Vorgehen tolerant und nicht sexistisch sein soll, erschließt sich mir nicht ganz.

Der Fehler liegt offensichtlich schon darin, Vielfalt überhaupt als Problem zu sehen. Menschen sind verschieden. In ihrer Biologie – und das ist wunderschön. Aber auch in ihren Ansichten, Lebenserfahrungen, Werten, Denkweisen. Es gibt auch eine Vielfalt des Denkens.

Wer das nicht nutzt, ja, nicht einmal erträgt, der wird schwerlich kreative Software schreiben. Oder gute Artikel.

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Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“

Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.