Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“

Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.