Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“

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Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.

Der fremde Spiegel

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.“

Oscar Wilde

Es ist nicht leicht, sich selbst von außen zu betrachten. Jeder erinnert sich wohl des Schreckens, als er zum ersten Mal seine eigene Stimme auf einer Aufnahme gehört hat. Und größer noch war der Schock, in einem raffinierten Arrangement von Spiegeln sich selbst von der Seite oder von hinten zu sehen. Was, so groß ist die Nase? So fliehend die Stirn? Selbst den Scheitel sehen wir ja in einem normalen Spiegel nicht auf der richtigen Seite.

Was für das Individuum gilt, gilt umso mehr für seine Kultur. Es hat zwar im Abendland immer wieder Versuche gegeben, den Außenblick zu simulieren: Montesquieu schrieb die „Lettres persianes“, Scheurmann den Papalagi und zuletzt Rosendorfer die „Chinesischen Briefe“. Aber so lesenswert diese Bücher auch sind: Letztlich tragen sie doch nur Karnevalsverkleidungen. Montesquieu schreibt nicht wirklich aus Sicht eines Persers, sondern bleibt der Rationalist der französischen Aufklärung, der, versteckt unter dem Turban, die Missstände seiner Zeit anprangert. So auch Scheurmann, so Rosendorfer. Sie alle unterstellen letztlich eine menschliche Weltkultur, die zwar in unterschiedlichen Verkleidungen auftritt, in ihren inneren Werten aber immer dieselbe bleibt.

Eine echte Außensicht dagegen lassen wir nicht zu. Was Muslime („Islamisten“), orthodoxe Christen oder Chinesen von uns meinen, wird allenfalls als Beispiel pittoresker Verbohrtheit und ideologischer Rückständigkeit zitiert. Das ist kein Wunder: Unsere Kultur, unsere Werte (Menschenrechte, Demokratie, etc.) sind ja schließlich universal; es gibt also gar kein „Außen“.

Das ist natürlich ein Irrtum. Auch die abendländische Kultur ist nur eine von vielen Blasen im Schaum des Chaos. Es ist lehrreich und mithin nützlich, die Spiegel so zu arrangieren, dass sie sich wie von außen sieht. Und es gibt diese fremden Spiegel – nicht bei den grünen Männchen auf dem Mars, sondern gleich nebenan.

Was kennzeichnet wohl die abendländische Kultur? Die Innensicht wird zum Beispiel recht gut von den Einbürgerungstests der verschiedenen Länder wiedergegeben. Deutschland fragt:

„Wahlen in Deutschland sind frei. Was bedeutet das?“ Oder: „Der 27. Januar ist in Deutschland ein offizieller Gedenktag. Woran erinnert dieser Tag?“

Österreich fragt sogar:

„Ist die Verletzung von Menschenrechten in Österreich verboten und strafbar?“ (ja, nein, vielleicht) oder: „Wie hieß die einzige Frau an der Spitze des Hauses Habsburg?“ oder: „Wie hieß Österreich bei der ersten urkundlichen Erwähnung?“

Dem entspricht der Schulunterricht, der ja den Nachwuchs auf die Kultur vorbereiten soll, in welcher er leben wird. Da werden Goethe gelesen, und Shakespeare, Frisch und Salinger; Mathematik lernt man natürlich und zunehmend die Naturwissenschaften; Staatsbürgerkunde und Ethik werden wichtig genommen, manchmal auch Musik, obgleich sie meistens ausfällt. Hingegen Wirtschaft wird nicht unterrichtet, denn das hat, so scheint es, mit unserer Kultur nichts zu tun.

Wer sich also in die abendländische Kultur integrieren will, der soll die Menschenrechte und Gesetze kennen, die Klassiker gelesen haben und von der Französischen Revolution wissen; auch von der Reformation sollte er mal gehört haben, und natürlich vom Dritten Reich. Hierzulande muss er Deutsch sprechen. Dann lobt man ihn und seine Integrationswilligkeit und ist sehr zufrieden. Leistet er dagegen diese Dinge nicht, dann verdammt man ihn als integrationsunwillig.

Ich habe vier kurdische Schwägerinnen und Schwager in Deutschland, nebst einer beliebigen Zahl von Schwippvettern, -basen und -großcousins dritten Grades. Drei der vier Geschwister meiner Frau sprechen nicht sonderlich gut Deutsch. Alle vier haben kein Buch im Haus; ob sie mit Namen wie „Goethe“ oder „Beethoven“ allzu viel anzufangen wüssten, bezweifle ich. Bei ihnen laufen türkische und kurdische Programme im Fernsehen; vermutlich bekämen sie nicht alle Landeshauptstädte und verflossenen Bundespräsidenten und die Zusammensetzung des Bundesrats zusammen. Sie wüssten auch gar nicht, wozu.

Sie wollen Geld verdienen. Und die beiden Schwager schaffen das mit beträchtlichem Erfolg; sie führen mittlerweile mehrere Geschäfte, spekulieren in Immobilien und stehen sich finanziell erheblich besser als ich. Ein Cousin meiner Frau kann kaum eine mittelschwere Konversation auf Deutsch führen, aber er hat sich vor einigen Jahren für eine runde Million den gesamten Wohnblock gekauft, in dem sein Imbiss liegt. Das sind die Vorbilder der jüngeren Familienmitglieder.

Eine Nichte immerhin hat etwas Sinn für Bildung. Sie hat den Realschulabschluss erworben, eine Lehre begonnen und das Fachabi ins Auge gefasst. Seit sie jedoch beobachten musste, dass ihr Onkel als habilitierter Neurobiologe am Monatsende aufs Geld schauen muss und noch nicht weiß, ob er im kommenden Sommer überhaupt Arbeit haben wird, und dass ihre Tante einen Magister Artium macht, mit dem sie vermutlich niemals einen Job finden wird, hat ihr Elan sehr nachgelassen. Wozu die Bildung? Geld will sie verdienen. Viel Geld.

Stimmt also das Klischee? Sind sie also so, die Ausländer? Integrationsunwillig, kulturell wurzellos, arbeitsscheu, nur aufs Geld aus? Nein, natürlich nicht. Dieselben Menschen zeigen eine ungeheure Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten und Gästen, legen Wert auf Ehre, Ehrlichkeit und Höflichkeit und arbeiten hart und konzentriert in ihren Läden. Sie würden nie einen Cent anrühren, den ich liegen gelassen habe, nie schlecht über mich sprechen oder mir eine unangenehme Wahrheit ins Gesicht klatschen. Was sie von ihren Eltern an alevitischem Brauchtum mitbekommen haben, pflegen sie. Nein, sie sind weder dumm noch kulturlos noch integrationsunwillig.

Sie haben einfach nur gut beobachtet. Einer meiner Schwager sagte es sehr deutlich: „Um in Deutschland akzeptiert zu werden, musst Du Geld haben.“ Das und nur das zählt. Bildung bringt nichts.  Ein Ausländer, der abendländische Bildung hat, ist allenfalls ein dressierter Affe. Ein Ausländer, der Geld hat – der ist wer. So klar wie jeder Kulturphilosoph sehen die „Deutschländer“  die „Armseligkeit unserer Kultur“, von der Peter Finke kürzlich in diesem Blog schrieb. Das Abendland – nein, das ist nicht Reformation, Aufklärung, wissenschaftlicher Rationalismus, es ist nicht Kant, Wittgenstein, Adorno, nicht Sonett, Sonatenhauptsatz und Sonnenblumen von van Gogh, seine Werte sind nicht Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Toleranz – nein: Sein Wert ist Geld.

Jeder Fremde, der unsere Kultur von außen sieht, erkennt das auf den ersten Blick. Anpassungsfähig, wie der Mensch ist, spiegelt der Fremde seine Beobachtung zurück.

Aber Caliban erkennt Gesicht nicht in diesem Spiegel.

Und dafür hasst er den Spiegel.

Die Armseligkeit unserer Kultur

[Mein langjähriger Freund und Mit-Querdenker Peter Finke hat mir dankenswerterweise diesen Essay zur Publikation angeboten. Er gefällt mir sehr gut, und ich bin stolz, ihn hier im Schwarzen Kater präsentieren zu dürfen.]

Über Geld und Medien

Das Kulturelle kann man nur verstehen auf der Folie des Natürlichen. Als ich vor einigen Jahren einen Vortrag über Kultur hielt und dazu mahnte, unter diesem Stichwort nicht nur immer das Gute und Schöne zu sehen, sondern auch die Fehler und Verbrechen, zu denen wir fähig sind, löste ich damit bei einigen Zuhörern heftige Reaktionen aus. Leider verschließen wir beim Stichwort Kultur verbreitet vor ihren Negativleistungen die Augen, ja wir blenden auch die Rolle eines zunächst nur hilfreichen, später zunehmend lästigen zivilisatorischen Treibmittels aus dem kulturellen Diskurs aus: die Rolle des Geldes. Geld und Kultur? Das scheint fast ebenso wenig miteinander zu tun zu haben wie die moralisch dunklen Seiten unserer Existenz. Der Natur freilich können wir beides nicht anlasten. Geld jedenfalls ist aus unserer gegenwärtigen Zivilisation nicht fortzudenken. Es ist ein ökonomisches Zaubermittel und ein Götze zugleich. Wir nutzen es alle und huldigen ihm. Wenn irgendeine gesellschaftliche Gruppe dies mehr als andere internalisiert hat, dann die Wirtschaft. Es gibt viele, die dies für normal halten. Wirtschaft: Ist das nicht selbstverständlich finanzielles Gewinnstreben, Markt, letztlich messbar nur am monetären Erfolg?

Nein, ist es nicht. Ökonomie bedeutet, mit Ressourcen vernünftig umzugehen, Aufwand und Ziele in ein sinnvolles Verhältnis zu setzen, Gewinne und Verluste zu bilanzieren. Und dies ist keinesfalls nur in der Gelddimension möglich, sondern kann und muss Aufwendungen und Zielsetzungen aller Art berücksichtigen. Auch Gemeingüter und nichtmaterielle Güter übrigens. Wenn freilich viele jegliche Wirtschaft auf die materielle, ja die Gelddimension als Maßstab verengen, wie dies für unsere heutigen Denkweisen typisch ist, zeigt sich darin eine bedenkliche, ja niederschmetternde Erkenntnis: Unsere einst bedeutende und vielseitige Kultur ist klein und armselig geworden.

Die westliche Zivilisation hat große Zeiten hinter sich. Noch lernen wir in der Schule, stolz zu sein auf die philosophische Kreativität der alten Griechen, die Organisationskraft des römischen Reiches, die Menschenliebe der christliche Bergpredigt, die Seelentiefe der Mystiker, die Vernunftentschlossenheit der Aufklärung, die politische Befreiung durch die französische Revolution, die deutschen Dichter und Denker. Gewiss, es gab auch sehr düstere Zeiten, aber die Vielfalt der guten Kräfte in diesem ausgedehnten Kulturraum, der längst auch Nordamerika einschließt,  war noch jedesmal stark genug, sie zu beenden. Viele scheinen aber auch jetzt noch in dem Wahn zu leben, diese positive Fülle sei nach wie vor in dieser Kultur hinreichend lebendig und kraftvoll, um sich als Erben jener Ideen fühlen zu dürfen. Welch ein Irrtum! Bei Lichte besehen leben wir heute in der armseligsten kulturellen Gegenwartsform, in der die Vielfalt des möglichen Ausdrucks von Wertschätzung, die es einmal gab, auf einen einzigen, kümmerlichen, dummen und ausweglosen Ersatz zusammengeschrumpft ist: das Geld.

Nur eine in Geld bezifferbare Wertschätzung scheint heute noch allgemein anerkannt und handfest zu sein. Die Beförderung ist nichts wert, wenn sie nicht mit einer Erhöhung des Gehalts verbunden wäre. Das Teurere ist nicht immer, aber in der Regel das Bessere; es gibt Marken, die genau hiermit werben. Man stellt sich außerhalb des Üblichen, ja des Normalen, wenn man aus dieser Wertschätzungshierarchie ausbrechen will; fast niemand tut es, denn es führt zu Verachtung. Was nicht monetär bewertet wird, scheint ganz ohne Wert zu sein; die Arbeit der Hausfrauen, auch die Natur um uns herum könnten ein Lied davon singen. Mehr Geld, eigentlich ein Ausdruck der Quantität, steht fast immer für mehr Qualität: ein Zeichen dafür, dass wir hier den üblichen, normal gewordenen Bewertungsmaßstab unserer heutigen Kultur gefunden haben.

Häufig heißt es, Gier sei die Triebfeder hierfür. Dies trifft sicherlich in manchen Fällen zu. Aber kennzeichnender noch als die Gier einzelner ist die Leere der ganzen Werteskala, die unsere heutige Kultur anzubieten hat: nichts, außer Geld. Wo Ehre ausgespielt hat, Standesunterschiede verschwunden sind und unterschiedliche Epauletten nur noch komisch wirken, bleibt die Bezahlung übrig. Der am meisten verbreitete Irrtum besteht darin zu glauben, dass die Besten am höchsten bezahlt werden. Tatsächlich können sehr gute Leute oft kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten, während mancher Luftikus nicht weiß wohin mit seinem Geldreichtum. Und wenn jemand schon bisher ein hochdotiertes Gehalt bezieht, kennt unsere Kultur nur eine Dimension, dies noch zu steigern: durch noch mehr Geld. So kommen absurde Größenordnungen zustande, die kein persönliches Glück mehr maximieren, weil sie jenseits des Sinnvollen liegen. Doch die armselige Kultur kann nicht anders, sie kann nur auf diese eindimensionale Weise Rangunterschiede ausdrücken.

Bis zu einem gewissen Grade finden sich noch sekundäre Ausdrucksformen in den materiellen Werte, die wir anhäufen: die Autos werden größer, die Häuser protziger, der ganze Lebensstil immer aufwendiger, aber irgendwann ist Schluss. Dann kann der Hauptgeschäftsführer, der Spitzenbeamte oder der Vorstandssprecher nur noch eine weitere Gehaltserhöhung bekommen, nur noch zu demjenigen aufzuschließen versuchen, der ihm noch voraus ist, und das war’s dann, bis zum nächsten Mal. Das Geldrennen kennt nur einen Maßstab: mehr, es ist sich selbst genug und furchtbar langweilig. Man fühlt sich reich und ist doch bettelarm, verglichen mit Menschen aus früherer Zeit, die den Götzen Geld noch nicht anbeten mussten. Wir sind arm geworden an Alternativen.

Die westliche Kultur ist zu einer Wall-Street-Kultur verkommen und dabei in monetärer Wertmonotonie extrem verarmt. Alles, was es da einst an Standes-, Aufstiegs-, Rang- und Belohnungszeichen gab, Ehrenstufen, Kleidungskennzeichen, Ansehensunterschieden, ist abgeräumt oder wird völlig überstrahlt von der Geldhierarchie, die – mangels Alternativen – in sinnlose Größenordnungen vordringt. Ich wünsche mir die alten Klassen nicht zurück, aber wir sollten doch bemerken, dass wir eine einzige ausweglose Geldklasse geworden sind. Die Abfindung eines geschassten Topmanagers, die mit dreissig Millionen nicht funktioniert, gelingt vielleicht mit sechzig, obwohl dieser Steigerung kein wachsendes Lebensglück entspricht. Die Einkommensmilliardäre belauern sich vielleicht noch gegenseitig, wer wen in der Rangliste überholt, aber es ist ein Selbstzweck, ein sinnloser Wettstreit. Einige Zurückliegende sind zwar von ihm noch beeindruckt, weil sie selbst den eigenen Abstand zu den Geldchampions messen. Aber dieses Maß besagt nichts mehr als eben dies, ist leer und hohl; es ist ein Mehrwert ohne Mehrwert. Eine einstmals reiche Kultur läuft sich in äußerster Armut tot, geistiger Armut. Ihr fehlen die Alternativen, sie sind ihr durch die Vergötzung des Monetären abhanden gekommen.  Wie war dies möglich?

Der Abstieg ging einher mit einem Aufstieg: dem Aufstieg der Medien. Man kann den medialen Wandel ziemlich genau benennen. War ein Medium während des größten Teils der Menschheitsgeschichte tatsächlich nur Vermittler einer Botschaft, wurden in den letzten zweihundert Jahren immer mehr technische Möglichkeiten entdeckt, es selbst zur Botschaft zu machen. Es war die Zeit, in der die Massenmedien entstanden. Dasselbe wie bei ihnen geschah mit dem Geld: Es wurde von einem Medium alter Art zu einem Medium neuer Art, einer eigenständigen Macht. Zuvor wurde es allein gebraucht, um es gegen Waren zu tauschen, die man brauchte. Dann jedoch ist es selbst zur Ware und schließlich, heute, zum Selbstzweck geworden. Es ist nicht mehr nur anderes, was man mit Geld kaufen kann; man kann auch Geld kaufen. Die Geldanlage ist nicht mehr das Mittel zum späteren Zweck, sondern sie ist selbst das Ziel, das möglichst hohe Rendite bringen soll.

Beide Veränderungen, die des Geldes und die der Medien, verliefen gekoppelt. Das ist kein Zufall, sondern konsequent. Es ist attraktiver, selbst Macht und Ziel zu sein, als nur auf anderes zu verweisen. Heute jedenfalls gehören die Massenmedien nicht nur zu den stärksten kulturellen Machthabern, sondern sie stützen entscheidend den Niedergang der Wertevielfalt zugunsten des Einheitswertes Geld. Sie nutzen hierfür die Vorteile, die sie für den Transport von Kommunikation besitzen.

Dabei verschwindet der Inhalt, um den es früher ging; jetzt geht es um die Kommunikation selbst. Nicht der Sachkenner ist gefragt, sondern der kommunikativ erfolgreiche Lobbyist. Wenn die sachlichen Quellen des Erfolgs nebensächlich geworden sind, ist nur noch wichtig, dass er sich einstellt. Eloquenz ist dann viel wichtiger als das Thema der Rede, als sachliches Können. Oberflächlich, aber elegant über Probleme hinwegschwatzen, statt sie exakt zu benennen: Das macht den für eine fast beliebige Position geeigneten Stelleninhaber aus. Es ist auffällig, wie viele Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und den Medien nach diesem Muster besetzt werden. Qualifikation durch gute Ausbildung ist zweitrangig, in erster Linie zählt Kommunikation. Wer ein flottes Mundwerk, eine schnelle Schreibe hat, ist bevorteilt, er kämpft den Konkurrenten verbal nieder. Wahr oder falsch zählt nicht, wenn das, was richtig ist, durch das kommunikative Duell nach medialen Prinzipien entschieden wird. Interessenvertretung wird sportlich gesehen: Die Punktevergabe geschieht nicht nach Kompetenz, sondern nach medialem Effekt. Und es gibt nur einen Ausdruck hierfür: Geld. Die Gehalte der medialen Protagonisten – ob es nun Showstars, Sportgrößen, Programmdirektoren oder Aufsichtsratsvorsitzende sind – drücken aus, dass es vom Mittel zum Selbstwert wurde. Das Geld selbst ist zum neuen Medium geworden, einem Medium, das seine Vermittlungsfunktion verloren hat und stattdessen ungehemmt als Zielobjekt des Verlangens auftritt.

Gibt es einen Weg zurück? Nein, er wäre auch nicht attraktiv. Attraktiv sind nur Wege nach vorn, echte Auswege aus unserem kulturellen Dilemma. Zwei müssen wir ernsthaft zu gehen versuchen, denn es gibt hierfür noch weitere Gründe als die Entmachtung des Geldes. Der erste besteht darin, dass wir versuchen, Wirtschaft neu zu denken. Der zweite besteht in einer Veränderung der Medienlandschaft.

Wirtschaft neu zu denken bedeutet, die hartnäckig persistenten falschen Lehren der Ökonomik zu vergessen. Soziale und ökologische Grenzen verändern unser Verständnis davon, was ökonomisch sinnvoll ist. Mit Gemeingütern müssen wir anders umgehen als mit Privatgütern. Nicht nur Erwerbsarbeit ist ökonomisch relevante Arbeit, sondern auch ehrenamtlich geleistete Arbeit, Hausarbeit und Familienarbeit. Frauenarbeit ist genau soviel wert wie Männerarbeit. Auch das vorsorgende Wirtschaften ist ein wichtiger Teil eines sinnvoll organisierten ökonomischen Systems. Geld bleibt wichtig, aber es wird in seiner Bedeutung wieder reduziert. Da die neue Ökonomie andere Erfolgsmaßstäbe kennt, verliert es an Bedeutung und wird tendenziell wieder zu dem, was es einmal war: ein bequemes Tauschmittel. Als Selbstzweck hat es ausgedient. So jedenfalls die Vision.

Die Medienlandschaft zu verändern bedeutet, den Medien ihre Eigenmacht wieder zu nehmen, indem man neue Medien schafft, die ohne sie auskommen. Im Prinzip gibt es heute ein solches Medium schon: das Internet. Weil es niemandem gehört, enthält es eine große Chance: die Macht der existierenden Medien zu relativieren. Es ist falsch zu glauben, dies geschähe durch noch mehr Macht, obwohl es bisweilen so aussieht. Richtig ist allerdings, dass man aufpassen muss, damit es nicht doch geschieht. Die Gefahr besteht, dass sich einzelne Personen und Ihre Konzerne das Internet unter den Nagel reißen. Bisher herrscht es nicht in der kommunikativen Welt, es erschließt sie global. Das ist ein Unterschied. Die weltweite Vernetzung, die es ermöglicht, entmachtet die alten Machthaber; sie werden immer weniger gebraucht. Das Geld, das sie stabilisierte, kann im Gefolge dieses Wandels seinen Charakter verlieren: Es kann wieder Zahlungs- und Tauschmittel werden, seine Götzenfunktion verlieren. Stattdessen würde anderes im Wert steigen: Zeit, Sprachenkenntnis, Wissen. Aus ihnen könnten weitere neue Medien werden, die an die Seite des Internets treten. Dies ist die zweite Vision.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch versucht die Geldkultur zu überleben und das für sie gefährliche Internet und seine attraktiven neuen Werte mit ihrer Armseligkeit zu infizieren. Noch ist nicht entschieden, wie dies ausgeht. Politische Wachsamkeit ist am Platze, Bürgermut, aber auch Zuversicht. Eine geistig beschränkte Kultur, die nicht lernfähig ist, wird auf Dauer nicht überleben können. Sie entlarvt sich als leer und hohl, als Verräterin ihrer Traditionen. Die Menschen sind frei, sie zugunsten einer besseren aufzugeben. Werden sie es tun? Wem der Zeitwohlstand einleuchtet, für den ist der Güterwohlstand zumindest nicht mehr das allein erstrebenswerte Ziel. Wer sich in verschiedenen Sprachen ausdrücken kann, besitzt einen Schlüssel zur kulturellen Vielfalt. Und wer Wissen sucht, findet Geld allein langweilig. Noch ist der Kulturkampf, der in unserer Mitte entbrannt ist, unentschieden. Wo stehen wir selbst, wie mutig sind wir?

Allerdings muss uns die ökonomische Wissenschaft bei der Entmachtung der Geldkultur helfen. Doch dafür ist es ohnehin Zeit, denn das Anrennen einer neuen Generation von Ökonomen gegen die Bollwerke der alten wird stärker. Sie wird dabei unterstützt von immer mehr Überläufern, unter ihnen nicht wenigen Personen aus der ersten Reihe der alten Lehren. Der Wandel in der Ökonomik, der gegenwärtig abläuft, gehört zu den dramatischen Erscheinungen in der Wissenschaft, wie es im Reich der Rationalität nur wenige gibt. Dies liegt daran, dass rationales Verhalten auch dort nicht ungestört zum Zuge kommt; Emotionen und Gewohnheiten sind auch unter Wissenschaftlern an der Tagesordnung. Wissenschaft bleibt Menschenwerk. Aber mehr als anderswo setzt sich Rationalität dort letztlich durch. Es hat den Anschein, als könne das staunende Publikum zurzeit den Beginn einer solchen Veränderung in der Ökonomik verfolgen.

Skepsis bleibt angesagt. Mut ist weder ein Sache der Wissenschaft, die Mitläufertum viel eher begünstigt, noch der Medien, die nach der Quote schielen. Dabei dürften wir eigentlich zuversichtlich sein, weil eine erneuerte Kultur mit attraktiveren Ideen und reicheren Wertskalen gegen die Armseligkeit der alten stehen könnte. Wir müssen das Geld nicht aufgeben, sondern nur seine Überhöhung zum Götzen.