Leuchtet!

Die erste Enttäuschung kam 1998. Wer die sechzehn bleiernen Kohljahre nicht mit erlitten hat, wer nicht seine Jugend unter der schweren grauen Decke von Geistlosigkeit und Selbstgefälligkeit vegetiert hat, wer nicht alle vier Jahre wieder machtlos mit angesehen hat, wie das Wahlvolk im letzten Moment seine Meinung änderte und das überfällige Ende weiter hinauszögerte – der kann die Begeisterung nicht nachvollziehen, mit der ich 1998 mir sogar Briefwahlunterlagen kommen ließ, um trotz Italienurlaubs mithelfen zu können, endlich Rot-Grün an die Macht zu bringen. Der kann das Hochgefühl nicht verstehen, mit dem ich am Montag danach den Corriere della Sera kaufte und die erlösende Nachricht las.

Und dann? Kamen Lafontaine-Rücktritt, Hartz-Gesetze, Kosovokrieg und der Anfang vom Ende der deutschen Sozialdemokratie (†).

 

Aber nein, eigentlich hob eine andere Enttäuschung noch früher an. Aber ich spürte sie erst später. Das war 1989. Die Ossis rissen die Mauer ein (und retteten damit den eigentlich längst erledigten Kohl, was ich ihnen nie verzeihen werde), und eine Welle von Aufbruchsstimmung, von politischer Frischluft flutete durch die bleierne Republik. Allenthalben wurde die Systemfrage gestellt, wurde über das Neue diskutiert, das nun entstehen sollte, wurde laut überlegt, welchen Namen das wiedervereinigte Land tragen sollte – vielleicht DBR? – und welche Hymne es nutzen sollte. Konnte man nicht das Beste aus beiden Systemen bewahren, die Ausbeutung der Schwachen überwinden, eine bessere Welt schaffen?

Nix. Ossis können es sich vielleicht gar nicht vorstellen, was sich für uns Wessis mit der Wiedervereinigung geändert hat. Dabei kann man es in einem kurzen Wort zusammenfassen: Nix. Etwas ausführlicher: Gar nix. Überhaupt nix. Am 3.10.1990 wachte ich in demselben Land auf, in dem ich am 2.10. zu Bett gegangen war. In den Tagen danach begann ich mein Studium – wie geplant -, ich kaufte ein – wie gewohnt -, ich lebte mein Leben – wie gehabt. Vorübergehend gab es ein paar Trabis auf den Straßen. Aber die verschwanden auch bald wieder. Es dauerte zehn Jahre, bis ich die ersten leibhaftigen Ossis kennenlernte.

 

2009 kam es noch einmal dicke. Endlich war G.W. Bush weg, und ihn ersetzte ein sympathischer, dunkelhäutiger Präsident mit warmer Stimme und besten Absichten. Sogar das Nobelkomitee wusste sich vor Begeisterung gar nicht zu halten und verlieh ihm den wohl ersten Vorschuss-Nobelpreis der Geschichte.

Heute ist er ein Massenmörder mit der Drohne, hat mit ungebremster NATO-Erweiterung den Ost-West-Konflikt wieder aufgebrochen, Guantanamo immer noch nicht geschlossen, Freund und Feind abgehört. Und eigentlich nichts anders gemacht als die Halunken, die vor ihm dran waren.

 

Man könnte noch Tsipras erwähnen – den größten Umfaller der jüngeren Geschichte. Aber genug. Denn nein: Es ist hier gar nicht meine Absicht, auf butterweichen, prinzipienlosen Politikern herumzuhacken.

Sondern auf uns.

Auf uns, die wir immer und immer wieder unsere Hoffnungen auf Lichtgestalten projizieren. Lichtgestalten, die nur deswegen so hell leuchten, weil so viele Hoffnungsstrahlen auf sie gerichtet sind. Aus sich heraus leuchten sie nicht. Sie tragen nur Licht.

Indem wir all unsere Hoffnung auf sie werfen, tragen wir sie selbst nicht mehr. Wir geben, mit anderen Worten, unsere Verantwortung ab. Wenn die Welt finster und schäbig ist, dann soll der Licht-Träger es richten. Wir – haben dabei nichts zu tun. Wir haben unsere Energie verbraucht, unsere Möglichkeiten erschöpft. Wir hoffen doch schon, wir bekunden unsere Unterstützung, wir gehen vielleicht sogar zur Wahl – das muss doch reichen!

Es reicht natürlich nicht. Der Licht-Träger – lateinisch: Luci-fer – geht unweigerlich den Weg jedes Luzifers. Und wir stehen erneut im Dunkeln, bis sich der Nächste als Projektionsfläche anbietet.

Wir könnten daraus lernen: Lernen, unser Licht nicht in die Ferne zu bündeln und nutzlos zu verstrahlen. Sondern es gleichmäßig in unsere Umgebung zu leuchten. Wir haben kein Recht, unsere Macht und Verantwortung nach oben wegzudelegieren. Wir müssen das Richtige schon selbst tun. Und wenn wir alle ein bisschen leuchten, dann wird die Welt auch heller.

Frohe Ostern.