Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

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Er hatte schon einmal recht . . .

„Trotz dem heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz dem Ruf der Millionen: „Nie wieder Krieg!“, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir: Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft bald zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift lesen können: Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen. Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen; man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Das schrieb Silvio Gesell im November 1918, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. „Keine 25 Jahre“ – das war verdammt gut geschätzt. Aber wenn man das Geldsystem versteht, sind Prognosen mehr als bloß Kaffeesatzleserei.

Ich muss dieser Tage immer wieder an dieses Zitat denken. Beschreibt es nicht auch die heutige Situation erschreckend genau? „Die Giftpflanze des Übernationalismus“ hat Ungarn, Polen und die Ukraine längst überwuchert, floriert in Frankreich und sprießt auch in Deutschland aus allen Ritzen.

Und die Tafeln an den Grenzpfählen: „Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land“. Auch sie werden allenthalben angenagelt. Ist es nicht eigentlich absurd, wie die (gelogene) Zahl von den angeblich 70% jungen Männern unter den aktuell nach Deutschland kommenden Flüchtlingen ständig als Bedrohung zitiert wird? Da verlieren arme Länder überall im Süden ihre gesündesten, kräftigsten, leistungsfähigsten Arbeitskräfte – denjenigen Wirtschaftsfaktor, auf dem letztlich aller Reichtum basiert -, da kommen diese Arbeitskräfte zu uns, freiwillig und auf eigene Kosten: Und wir machen die Grenzen zu.

Gewiss, innerhalb unseres dahinvegetierenden Systems ergibt das Sinn. Aber das illustriert doch nur, wie durch und durch absurd dieses System ist.

„Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Ich wünsche uns allen ein friedliches Jahr.

Nur Skylla oder Charybdis?

Welche Wahl haben die Griechen? Entweder sie kapitulieren vor den Gläubigern und setzen den Sparkurs fort, der sie seit fünf Jahren in immer tieferes Elend gestürzt hat, und das weiterhin tun wird. Denn jegliches Geschwätz von einem wiedererwachenden Wirtschaftswachstum, das Syriza kaputt gemacht habe, ist genau das: Geschwätz. Oder sie gehen in den Staatsbankrott, mit all den kurzfristigen wirtschaftlichen Turbulenzen, die er mit sich bringen wird. Tsipras’ ferner Vorfahr Odysseus hatte wenigstens noch die Wahl eines dritten Weges; er schaffte es, mitten zwischen beiden Gefahren hindurch zu steuern. Tsipras hat diese Option nicht. Und das muss man, bei aller Sympathie, auch ihm und seiner Partei ankreiden.

Es scheint, dass die Strategen von Syriza bei ihrem Regierungsantritt in entzückender Naivität an die Macht des Arguments geglaubt haben. Der Sparkurs der Troika war offensichtlich und furchtbar gescheitert; ein Schuldenschnitt und staatliche Investitionsprogramme sind für Griechenland unumgänglich: Das ist so. Jeder kann das erkennen, und die Syriza-Regierung glaubte, dass angesichts der Tatsachen auch die Gläubigerinstitutionen zur Vernunft kommen würden. Jedoch: Es wurde sehr schnell klar, dass die Gläubiger für die Vernunft nicht zu sprechen sind. Es mag eiskaltes Machtkalkül sein oder verbitterter Altersstarrsinn: Die Austeritätsfanatiker denken nicht daran, sich von Argumenten beeindrucken zu lassen. Die einzige „Rettung“, welche die Gläubiger Griechenland zu gewähren bereit sind, ist die notdürftige Lebenserhaltung, welche der Folterknecht seinem Opfer zuteil werden lässt, um länger seine sadistischen Gelüste an ihm auslassen zu können. Das, wie gesagt, war innerhalb weniger Wochen nach Amtsantritt der Syriza-Regierung klar. Seit diesem Zeitpunkt hätten Tsipras und sein Kabinett einen Plan B (oder C) entwickeln können. Und müssen.

Aber sie haben das nicht getan. Den Griechen bleibt die Wahl zwischen Skylla und Carybdis, und kein dritter Weg ist in Sicht. Gewiss, eine positive Lösung ist wahrlich nicht einfach. Im Kern liegt das Problem Griechenlands ja – allem Anschein zum Trotz – nicht im Gelde. Geld ist nur eine Verrechnungseinheit für Leistung, und auf der Leistungsebene liegt das Problem: Solange Griechenland keine auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Industrieprodukte herstellt, und sogar einen Großteil seiner Lebensmittel importieren muss, so lange wird es in jeder beliebigen Währung in Schulden geraten. Hier muss jede Wirtschaftspolitik Entwicklungsrichtungen finden und aufzeigen.

Dies wird allerdings einfacher, wenn Griechenland sich vom Euroraum und der übermächtigen deutschen Konkurrenz abkoppelt. Die Drachme würde gegenüber dem Euro so lange fallen, wie das Leistungsbilanzdefizit bestünde – so lange, bis Importe unbezahlbar, Exporte dagegen konkurrenzlos billig wären. Schon früh haben Kommentatoren eine Parallelwährung vorgeschlagen, als eleganten Weg, den Euroraum faktisch zu verlassen, ohne bei der Umstellung in wirtschaftliches Chaos zu stürzen. Tsipras und Varoufakis scheinen nicht zugehört zu haben. Weder sie noch die Gläubiger haben Griechenland eine Hoffnung zu bieten. Nur Angst – nur entweder Skylla, oder Charybdis.

Irrwissen 5 : Geld kann man nicht essen.

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Es gibt eigentlich nur zwei Weltmeister, die in Deutschland etwas bedeuten, und es ist schwer zu sagen, welcher davon wichtiger ist: Fußballweltmeister – Exportweltmeister. Fußballweltmeister zu werden, wäre vermutlich das tollere, aber da das mit der deutschen Gurkentruppe nie so recht klappt, ist man auf die Exportweltmeisterschaft umso stolzer. Dass die Chinesen uns diesen Titel seit vier Jahren abgejagt haben – das schmerzt.

Dabei exportieren wir doch wie (aber eben nur wie, und nicht als) die Weltmeister. Immer schon. Seit 1952, Deutschland lag noch halb in Trümmern, ist unsere Außenhandelsbilanz durchgängig positiv. Jahr für Jahr exportieren wir mehr Waren, als wir importieren – und sehen uns damit als Vorbild für die Welt. Ja, wenn das alle so machen würden, dann . . . dann, tja, dann würde das offensichtlich nicht funktionieren. Aber egal. Wir jedenfalls machen das so. Und finden das toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

Außenhandelsbilanz der BRD im Zeitverlauf seit 1950. Datenquelle: Bundesamt für Statistik

Wäre der zwischenstaatliche Handel ein Tauschhandel, dann spränge es wohl ins Auge, dass dieser Exporteifer „toll“ nur ist im altmodischen Sinne des Wortes: wahnsinnig und tobend. Jahr um Jahr tauschen wir Waren, die einen gewissen Wert haben, ein gegen Waren, die weniger wert sind. Nur ein Verrückter würde das freiwillig regelmäßig tun.

Aber wir bekommen ja Geld dafür. Und nicht zu knapp.

Aufsummierte Außenhandelsbilanz der BRD

Außenhandelsbilanzsumme der BRD

Stolze 2,75 Billionen Euro haben wir seit 1950 eingenommen. Das ist etwas mehr als der Gegenwert aller Waren und Dienstleistungen, die im Jahr 2012 in der BRD produziert worden sind (nämlich 2,645 Billionen Euro). Wir haben ziemlich genau soviel Geld gespart, wie wir in einem Jahr zum Leben brauchen. Sind wir also reich?

Ja und nein. Gewiss, als Ganzes ist Deutschland reich. Es gibt nur zwei Einwände: Erstens: Es deutet nichts darauf hin, dass jemand vorhätte, sich für dieses Geld auch etwas zu kaufen. Klar, es werden damit Börsenpapiere und Ähnliches gekauft, aber in realwirtschaftliche Güter aus anderen Ländern wird es nicht umgesetzt. Diese 2,7 Billionen sind Selbstzweck. Aber leider nicht essbar. Und zweitens: Wie ich früher bereits einmal schrieb, ist dieser Reichtum alles andere als gleich und gerecht verteilt. Gerade jene, die das Geld erarbeitet haben, besitzen es nicht. Dabei würden sie es bestimmt gerne ausgeben, denn sie könnten es gebrauchen. Was wäre das für eine paradisische Vorstellung: Jeder von uns bekommt ca. 50000 Euro; ganz Deutschland macht ein Jahr lang Urlaub, kauft das Essen in Italien, die Kleidung in Frankreich, die Software in den USA, macht Urlaub in Griechenland und Spanien – und am Ende haben wir kein Guthaben mehr, die erwähnten Länder keine Schulden, und wir könnten mit einer vernünftigen Wirtschaftsordnung von vorne anfangen. (Telepolis hat gerade vorgestern einen tollen Artikel von Tomasz Konicz veröffentlicht, der scharf und klar analysiert, wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten seine Staatsschulden exportiert hat. Lesen!)

Aber so ist es nicht. Geld kann man nicht essen, und so verschenken wir weiter unsere Leistung, ohne etwas Brauchbares dafür zu bekommen. Das Einzige, was wir davon haben, ist Arbeit. Sie wird – siehe die vorangegangene Folge in dieser Serie – immer schlechter bezahlt, aber immerhin: Man hat Arbeit. Das toll zu finden, ist wohl nur durch die hierzulande tief eingebrannte protestantische Ethik zu erklären. Um diese zufrieden zu stellen, könnte eine konsequente Lösung der europäischen Wirtschaftsprobleme darin bestehen, dass wir Deutschen unsere Waren dem Ausland einfach gleich schenken. Dann müssten sich diese Länder wenigstens nicht mehr verschulden, und hier könnten wieder alle arbeiten. Es sähe zwar aus wie Sklaverei – aber nein! Es wäre toll. Und wir wären wieder Weltmeister.

Einige volkswirtschaftliche Seltsamkeiten

Schon mal vom Okunschen Gesetz gehört? Es beschreibt den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit und ist das, was Ökonomen anscheinend unter einem „Gesetz“ verstehen: Eine Korrelation. Wenn das Wirtschaftswachstum über einem bestimmten Wert liegt, dann sinkt die Arbeitslosigkeit. Liegt es darunter, dann steigt sie. Auf dem Wert bleibt sie gleich.

Wo liegt der Wert? Das ist von Land zu Land und Zeit zu Zeit ein wenig verschieden, aber Pi mal Daumen sind es 3% Wirtschaftswachstum.

Wenn Sie noch nicht wussten, warum unsere Medienökonomen und Politiker immer so scharf auf Wirtschaftswachstum sind: Dies dürfte ein maßgeblicher Grund sein.

Aber was bedeutet das? Es bedeutet nichts anderes, als dass wir von Jahr zu Jahr mehr produzieren müssen, um dieselbe Zahl von Leuten zu beschäftigen. Wenn alle Wirtschaftsteilnehmer in einem Jahr ein bestimmtes Bruttoinlandsprodukt erzeugt haben, dann müssen sie im kommenden Jahr mindestens 3% mehr erzeugen, um noch alle Arbeit zu haben. Und im Jahr darauf wieder 3% mehr. Und nach 24 Jahren müssen sie doppelt so viel produzieren. Und nach knapp 50 Jahren viermal so viel, nach 75 achtmal, nach 100 sechzehnmal . . .

Volkswirtschaftler und Politiker scheinen sich nicht zu fragen, warum das so ist, und wie das gehen soll.

*

Wissen Sie, wie viel Zeit Jäger und Sammler, also die Menschen auf der vermeintlich primitivsten Kulturstufe, durchschnittlich pro Tag für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen?

Raten sie mal.

Ethnologen haben Zeitbudgets in solchen Gemeinschaften überall auf der Welt aufgestellt, in Afrika, Ozeanien, Südamerika, Sibirien. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Rund vier bis fünf Stunden.

Ich habe diese Zahl zum ersten Mal vor fast 20 Jahren in einem Soziologieseminar gehört, und sie hat mich nicht mehr losgelassen. Wie kann das sein? Wozu haben wir zwei-, dreitausend Jahre antike und abendländische Kultur- und Technikgeschichte, wozu die industrielle Revolution, Ölzeitalter, Produktivitätssteigerung, Maschinisierung, Automatisierung, Rationalisierung, Computerisierung, – wozu haben wir all das veranstaltet, wenn wir heute mindestens acht Stunden am Tag arbeiten müssen, um einigermaßen gut leben zu können? Vom subjektiven Glücks- und Sicherheitsgefühl ganz zu schweigen.

Heute kenne ich die Antwort. Aber die Zahl hört nicht auf, mich fassungslos zu machen.

Vier bis fünf Stunden.

*

Heute morgen, an der Bushaltestelle, fuhr der Straßenreinigungswagen mit seinen Rotationsbesen über den Bürgersteig und am Bordstein entlang. Ein Mann darin, ein zweiter mit dem Laubbläser nebenher.

Wie viele Männer mit Besen und Schubkarre die beiden wohl ersetzen? Vielleicht zehn? Wahrscheinlich mindestens.

Ob sie auch zehnmal so viel verdienen?

Wohl eher nicht.

*

Deutschland ist eine Exportnation. Das hören wir jede Woche, und man ist sehr stolz darauf. Bis letztes Jahr waren „wir“ sogar Exportweltmeister. Das klingt wie Fußballweltmeister, nur noch ernster, und natürlich ist man da bombastisch stolz drauf. Seit 1952 exportiert Deutschland mehr, als es importiert. Mann, sind wir toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

(eigene Graphik. Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Aber was haben wir dafür bekommen? Geld, natürlich. Wenn man alles zusammenrechnet – ich habe das getan -, dann sind es etwa 2,7 Billionen Euro von 1952 bis 2011. Mit anderen Worten: Wir haben Waren und Leistungen im Wert von 2700 Milliarden Euro mehr ans Ausland geliefert, als wir zurückbekommen haben.

Auf jeden von uns – d.h., eigentlich nur auf diejenigen, die produktive Arbeit geleistet haben, also Unternehmer, Arbeiter, Handwerker, Wissenschaftler, Angestellte, Putzleute, Lehrer, vielleicht auch, mit Einschränkungen, Beamte, usw. – aber rechnen wir der Einfachheit halber alle, also auch Kinder, Rentner und die Nichtstuer wie Millionenerben, Aufsichtsräte, Hedgefondsmanager, FDP-Wähler -, kurz und gut: Auf jeden von uns kommen im Durchschnitt 33500€, die wir beim Rest der Welt gut haben.

Komisch. Ich habe diese 33500€ nicht. Sie vielleicht?

Und wenn wir dieses Geld immer nur anhäufen, und niemals ausgeben – wenn wir also die Leistung, die wir der Welt erbracht haben, niemals zurückfordern – , haben wir unsere Leistungen dann der Welt nicht faktisch geschenkt? Denn Geld kann man ja bekanntlich nicht essen.

Und warum ist das toll?

Und wie sollen die anderen Länder, solche wie Griechenland, Spanien, Portugal, USA, jemals ihre Geldschulden zurückzahlen, wenn wir nie etwas bei ihnen kaufen?

Muss man wirklich stolz darauf sein, eine Exportnation zu sein?

Der Traum des schwarzen Katers

Im Traum trägt der schwarze Kater Sieben-Meilen-Stiefel. Gestiefelt zu sein, ist ja nichts Ungewöhnliches für einen Kater. Mit Riesenschritten springt der schwarze Kater durch ein Land, das ihm vertraut vorkommt, und doch ganz fremd. Gewiss, hier ist das Goethehaus. Einige Sprünge nach Süden führen am Hradschin vorbei über Schloss Schönbrunn zum Pantheon, dann Kehrtwendung und in großem Bogen (denn Katzen schwimmen bekanntlich nicht gern) die weißen Pferde der Camargue aufscheuchen und die Alhambra erreichen, bevor es ganz dunkel wird. Sie ist traumhaft schön im Licht des Sonnenuntergangs, von San Nicolás aus gesehen. Danach saust der schwarze Kater mit großen Sätzen heimwärts, schleicht unterwegs neugierig am Seinekai entlang und besucht alte Freunde in Deutz. Und kommt wieder nach Hause.

Er hat all das gekannt. Aber es war nicht so, wie er es kannte. Denn er hat lachende, gutgekleidete Menschen gesehen. Kinder, die auf den Straßen spielten. Grüne Städte, in denen kein Auto fuhr. Neubauten voller Einfallsreichtum und Handwerkskunst. Er hat allenthalben Musik gehört, hat Menschenscharen vor hell erleuchteten Theatern gesehen, hat Speisen voller Geschmack und Lebenskraft gerochen. Kein Bettler suchte Mitleid, keiner, der trotz Arbeit arm gewesen wäre, stapfte mit saurem Gesicht durch die Mengen. Kein Gebäude war schmucklos, kein Haus verzichtete auf Kunst. Der schwarze Kater hat seine Heimat kaum wiedererkannt.  Darum schaut er noch einmal genauer hin.

Und noch genauer. Denn der schwarze Kater möchte bei den Ursachen anfangen, die Erscheinungen zu verstehen. Er hat viele Menschen in Gastwirtschaften essen sehen, überall, und sie aßen gute Dinge. Aber womit haben sie bezahlt? Es waren andere Scheine in Rom gewesen als in Granada, und wieder andere in Prag und Wien. Ja, sogar zwischen Weimar und Köln, Prien und Dresden, Freudenstadt, Potsdam und Magdeburg waren sie verschieden. Ebenso zwischen Paris und Toulouse, Sevilla und Barcelona, Venedig und Rom. Im Traum des schwarzen Katers gibt es viele kleine Währungs- und Wirtschaftsräume. Der schwarze Kater erkennt die Vorteile: Die Nachfrage ist zunächst regional. Was sinnvollerweise in der Nähe hergestellt werden kann, wird auch dort gekauft. Energiefressende Ferntransporte entfallen. Was allerdings in der Ferne besser ist, wird dort erworben, aber: Hier erscheint der zweite Vorteil. Das Geld muss dazu getauscht werden. Und die anpassungsfähigen Wechselkurse gleichen es aus, wenn die Wirtschaftsräume unterschiedlich stark sind. Deshalb also sind Anhalt oder die Lausitz im Traum des schwarzen Katers nicht ärmer als der Chiemgau.

Indem er noch genauer hinsieht, erkennt der Kater noch mehr: Alle diese regionalen Gelder tragen irgendeine Art von Umlaufsicherung. Sie werden weniger: Die einen verfallen nach einer Frist, und müssen gegen Abschlag umgetauscht werden. Andere müssen mit Marken beklebt werden, um ihre Gültigkeit zu bewahren. Noch andere regeln diesen Geldverfall elektronisch. Aber alle Gelder, die der schwarze Kater sieht, haben diesen Mechanismus. Im Traum sagt man dem schwarzen Kater, dass einst, als Währungsvielfalt erlaubt wurde und die dezentralen Gelder als Steuerzahlungsmittel anerkannt wurden, es viele verschiedenartige Währungen gab, oft sogar am selben Ort. Manche waren mit Gold gedeckt, andere hatten keinen Wertverlust, oder einen sehr hohen. Die Menschen hatten die Freiheit, zwischen ihnen allen zu wählen. Und viele gingen unter. So blieben jene, welche die Arbeit der Menschen am besten spiegelten und der Wirtschaft am besten dienten.

Der schwarze Kater weiß natürlich, dass eine Umlaufsicherung des Geldes es möglich macht, dass der langfristige Zins auf Null sinkt (und der kurzfristige noch darunter). Damit lohnt sich jede Investition, die auch nur einen minimalen Ertrag bringt. Es lohnt sich, Wälder anzupflanzen. Es lohnt sich, energiesparende Techniken einzusetzen. Es lohnt sich, Arbeitskräfte einzustellen. Und es gilt nicht mehr, dass derjenige, der viel Geld hat, ganz von allein noch mehr bekommen wird. Im Gegenteil: Wenn er nicht jemand anderes Leistung damit bezahlt, wird er das Geld verlieren. Geld erwirbt ein jeder nur noch durch seine Leistung. Der schwarze Kater weiß auch, dass dann, wenn jeder Kredit zinslos getilgt wird, ein jeder nur gerade soviel Leistung erbringen muss, wie er selbst beansprucht hat. Der Zwang zur Mehrleistung entfällt, und damit der Zwang zum Wirtschaftswachstum.  Darum sieht der schwarze Kater in seinem Traum nur Menschen, die von ihrer eigenen Hände Arbeit leben.

Und er sieht auch, dass sie gerne arbeiten, doch wenig. Da jede Investition  lohnt, sind alle unangenehmen Arbeiten an Maschinen delegiert. Im Gegenzug blüht das Handwerk. Niemand stellt sich Fertigmöbel in die Wohnung, niemand trägt Kleidung von der Stange. Es lohnt sich, Gutes zu erwerben. Auch die Häuser werden nach Maß gefertigt, und es versteht sich, dass man Geld für Fassadenverzierungen einplant. Lüftelmaler, Steinschnitzer und Bildhauer sind wieder zu gefragten Leuten geworden. Ihnen allen genügen vier, fünf Stunden Arbeit am Tag, um ein gutes Auskommen zu haben. Endlich ist damit im Traum des schwarzen Katers die Industriegesellschaft dort angekommen, wo sie einst bei den Jägern und Sammlern angefangen hat. Denn dass in sogenannten „primitiven“ Gemeinschaften auf der ganzen Welt nur vier, fünf Stunden täglich der Subsistenzarbeit dienen, das hat den schwarzen Kater immer schon gewundert.

Jetzt versteht der schwarze Kater, warum die Menschen in seinem Traum so gelöst und glücklich wirken, warum sie Zeit haben zu plaudern und zu spielen, warum sie, da Untätigkeit durchaus nicht ihr Ziel ist, basteln und erfinden, kochen und gärtnern, lesen und Bücher schreiben, malen und musizieren. Und abends gehen sie in Konzerte, denn sie können es sich leisten, und zahllose begabte Musiker können in ihrem Beruf ein gutes Auskommen finden. Und das ganze Jahr über feiern sie jedes Fest, dass die verschiedenen Gruppen in ihrer Gegend ausrichten: Ostern und Jom Kippur, Bayram und Fronleichnam, Opferfest und Laubhüttenfest.

Im Traum des schwarzen Katers gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Armut, keine soziale Unsicherheit mehr. Die Sozialsysteme müssen sich nur um wenige Kranke und Alte kümmern, die sonst niemanden haben, und auch dies geschieht meist regional. Auch auf Krieg haben diese Menschen keine Lust – warum auch? So hat der Staat seine Bedeutung fast gänzlich verloren. Er erhebt keine Steuern mehr für Soziales, für Zinszahlungen, für Kriegvorbereitung (man nannte das „Verteidigung“). Bildungseinrichtungen und Verkehrswege schaffen Menschen regional nach Einigung mit allen Beteiligten und, wenn nötig, einer Volksabstimmung. Da es nicht mehr nötig ist, um jeden Preis, und sei es Energieverschwendung und Umweltzerstörung, Profit zu machen, braucht es kein Umweltministerium mehr. Auch die Polizei hat herzlich wenig zu tun. Und so ist sich der schwarze Kater, als er erwacht, nicht ganz sicher, ob es in seinem Traum überhaupt noch so etwas wie eine Regierung gegeben hat.