Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Pluralistische Medizin

Zwei Anekdoten zu Anfang:

Eine Bekannte litt seit Jahren an Allem. Schlappheit, Kopfschmerzen, generalisiertes Unwohlsein, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Das Leben war ein Leiden. Sie ging von Arzt zu Arzt; an Geld mangelte es auch nicht; aber niemand vermochte ihr zu helfen. Man bedenke: Sie ist mitnichten esoterisch oder alternativ angehaucht. Sie ist nüchtern und bodenständig. Sie hat von den Ärzten wirklich Heilung erhofft. Vergebens.

Und dann ging sie zum Osteopathen. Der tat, was Osteopathen tun: Energieströme ausmessen, Zähne überprüfen. Dieser oder jener Zahn musste raus, oder zumindest nicht-metallisch neu gefüllt werden. Die Bekannte folgte der Anweisung.

Und wurde gesund.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging daraufhin zum selben Osteopathen. Und er maß Energieströme und prüfte Zähne, und es wurde ein Zahn repariert.

Und es besserte sich nichts.

 

Eine Person meines Vertrauens hatte Atembeschwerden. Wieder mangelte es weder an Ärzten noch an Privatversicherung. Die medizinischen Maschinenparks wurden angefahren, die Lunge nach Strich und Faden vermessen. Wieder gab es respektvolles Vertrauen zu den Ärzten. Wieder gab es keine Diagnose.

So ging die Person zum Homöopathen. Er tat, was Homöopathen tun: Zuhören, eine gründliche Anamnese machen. Dann gab er ihr ein paar Zuckerkügelchen sofort, und ein paar andere für zu Hause.

Schon nach den ersten Kügelchen waren die Beschwerden weg.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging zum selben Homöopathen. Und er hörte zu und machte seine Anamnese. Und es besserte sich nichts.

 

Wer sich umhört, hört viele solche Geschichten. Solche von wunderbaren Heilungen, und solche von Enttäuschungen. Doch jene, die sich Skeptiker nennen, verweisen auf objektive, doppelt randomisierte Studien, und sagen: Nur die Enttäuschungen sind echt. Das andere sind Anekdoten. Zufallsereignisse. Nicht reproduzierbar. Statistische Verunreinigungen. Solange das, was bei Einzelnen funktioniert zu haben scheint, nicht bei allen funktioniert, ist es wertlos.

Aber muss denn Alles für Jeden funktionieren? Auch die wissenschaftliche Pharmakologie bemüht sich neuerdings um die „personalisierte Medizin“. Aber sie meint damit nur, dass anhand genetischer Marker die für jeden geeigneten Medikamente zusammengestellt werden. Personalisiert sind die Wirkstoffe, nicht die Herangehensweisen.

Vielleicht aber geht die Personalisierung der Heilung noch viel weiter. Vielleicht funktioniert Homöopathie für einige Menschen tatsächlich. Und für andere nicht. Dafür funktioniert für einige von den anderen Osteopathie, für einige weitere Ayurveda, und für noch andere die sogenannte Schulmedizin. Die aber auch nicht für jeden funktioniert.

Vielleicht sind die Wahrheiten der Körper, die Wege der Heilung ganz individuell. Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Naturgesetze der Medizin. Dann wäre es falsch, nach dem einen Ansatz für Alle zu suchen. Sondern Jeder müsste – und dürfte – für sich herausfinden, wie er geheilt werden kann. Medizin würde pluralistisch. Ein Reich, in dem jeder nach seiner Façon gesund werden kann.

Pansen und das Offensichtliche

Ich komme gerade zurück von einer Dienstreise nach Warschau. Hin und zurück bin ich mit dem Berlin-Warschau-Express gefahren, über den Steffen Möller ein nettes, informatives Buch geschrieben hat. Einer der größte Vorzüge des Zuges ist sein Speisewagen. Während ich im Herrschaftsbereich der Deutschen Bahn nie in den Speisewagen gehe, weil mir dazu der Lottogewinn fehlt, kann man im Speisewagen des Warschau-Berlin-Expresses an großen Panoramafenstern gemütlich sitzen, preiswert und lecker essen (Zwei Gänge mit Bier und Cappucino 11:40€) und mit Mitreisenden ins Gespräch kommen.

Auf der Hinfahrt setzte sich in Posen ein älterer, gutgekleideter Herr an meinen Zweiertisch, der fließend Englisch und Polnisch sprach und sich rasch und selbstbewusst als polnischstämmiger Mediziner und Wissenschaftler von einer Ostküstenuniversität vorstellte, der zu einer Akademiesitzung in der alten Heimat weilte. Er war sehr mitteilsam und frei von Bescheidenheit, und wir unterhielten uns angeregt, bis wir in Warschau einfuhren.

Ich hatte bereits eine köstliche Kuttelnsuppe gegessen, die auch mein Gesprächspartner bestellte. Kutteln, auch Flecken genannt, also der Pansen der Wiederkäuer (Ruminantia) ist eine meiner Leibspeisen. Viele Deutsche ekelt es davor, vielleicht, weil der Geschmack anders ist als von Muskelfleisch – strenger, interessanter -, vielleicht auch, weil die weißen Streifen mit den dichten Zotten an ein seltsames, schleimiges Meeresgetier erinnern. Wie dem auch sei, ich mag Gerichte mit Pansen, seit ich in Bulgarien vor rund 13 Jahren erstmals eine Ischkembe gegessen habe. Das ist die türkische Fleckensuppe, welche 500 Jahre osmanischer Besetzung dort zurückgelassen haben, und in unserem Hotelrestaurant schwamm stets eine mehrere Millimeter dicke Fettschicht darauf, die in der türkischen Küche üblicherweise abgeschöpft wird. Einige Jahre später genoss ich in El Chorro in Andalusien in einem kalten, feuchten Februar abends nach dem Klettern stets „Callos y Garbanzos“, das sind Kutteln mit Kichererbsen. Für den leicht durchfrorenen, hungrigen Kletterer gab es keine bessere Energiequelle; danach klebte stets ein krustiger Rand rötlichen Fetts um meine Lippen. Pansen, will ich damit sagen, sind ein sehr fettes Essen (25% Fett, belehrt mich eine rasche Googlesuche). Auch die Suppe im Speisewagen hinterließ diesen Fettrand auf meiner Oberlippe.

Mein Gesprächspartner aber äußerte beim Essen die Ansicht, Kutteln seien eine sehr gesunde, weil völlig fettfreie Speise. Ich wagte zu widersprechen, wurde aber belehrt: Pansen sei reines Muskelfleisch, mithin: kein Fett. Ich beließ es dabei, und unser Gespräch wandte sich, wie kaum zu vermeiden, der Ukrainekrise zu. Während ich mein Verständnis für Putins Schachzüge erläuterte, war mein Mitreisender, als Pole und Amerikaner, völlig auf der antirussischen Linie der westlichen Medien und Regierungen. Ich dürfe nicht glauben, wurde ich belehrt, dass die USA diesen Konflikt gewollt hätten, im Gegenteil. Die Amerikaner wollten nichts von und in der Ukraine; sie hätten dort keine strategischen Interessen; es gebe kein amerikanisches Interesse an Umzingelung Russlands, militärischen Konflikten, Hegemonie. Amerikaner seien einfach nur so gestrickt, dass sie, wannimmer ein Volk auf der Welt um Freiheit kämpfe, auf jeden Fall helfen wollten.

Ich aber dachte an den fettfreien Pansen und überlegte: Hier ist ein intelligenter Mann, emeritierter Professor der medizinischen Physik, laut eigener Auskunft Mitglied mindestens einer wissenschaftlichen Akademie, noch immer Einwerber von mehreren Millionen Dollar Drittmitteln, mit Beratertätigkeit in verschiedenen Ländern – darunter der Türkei -, Duzfreund von Spitzenwissenschaftlern und Milliardären, und doch jemand, dem anscheinend – ich bin verführt zu sagen: offensichtlich – vollständig die Fähigkeit abgeht, das Offensichtliche wahrzunehmen.

So, und dies kann man nun lesen als Kommentar zur Ukrainekrise, oder zum Zustand unserer Wissenschaft, oder natürlich vor allem zu den Vor- und Nachteilen von Pansen als Delikatesse.

Angewandte Aufklärung

Eine Rezension zu

Peter Finke: Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien

Die umfassendste und meistgenutzte Quelle nicht nur von Information, sondern von Wissen, die es auf der Welt gibt, ist die Wikipedia. Ein Lexikon, das, anders als Brockhaus und Britannica, nicht von bezahlten Profis geschrieben wird, sondern von Jedermann. Gewiss, es schreiben auch Universitätsdozenten daran mit. Aber der größte Teil des Inhalts kommt von Laien, Liebhabern, Hobbyexperten.

Damit ist die Wikipedia vielleicht das größte Citizen Science-Projekt unserer Zeit. Aber Citizen Science ist keine neue Erfindung und auch kein Kind des Internets. Immer schon haben sich Menschen aus Neugier mit bestimmten Wissensfeldern befasst, ohne dafür ausgebildet worden zu sein. In vielen Orten gibt es Naturwissenschaftliche Vereine, die ein beträchtliches Alter haben können. Ja, selbst die Großväter der synthetischen Evolutionstheorie, Darwin und Mendel, waren, genau genommen, Laien.

Aber obwohl Citizen Science nicht neu ist, erlebt sie in den letzten Jahren einen Aufschwung, der professionelles Interesse mit sich bringt. Einen großen Anteil daran hat vermutlich der Trend, Laien zur Datenbeschaffung in Forschungsprojekte einzubinden, etwa bei Kartierungen, dem Foldit-Projekt oder dem (aus meiner Sicht ziemlich albernen) SETI-Projekt. Darum war es an der Zeit, dass sich die Wissenschaftstheorie mit dem Phänomen beschäftigt.

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker an den Unis von Bielefeld und Witten-Herdecke und selbst Zeit seines Lebens begeisterter Citizen Scientist als Ornithologe und Aquarianer, legt mit diesem Buch die – nach Selbstaussage – erste umfassende deutschsprachige Würdigung und Untersuchung von Citizen Science vor. Er nimmt das Phänomen daher sehr ernst. Wo andere in Citizen Science nur ein von Profiwissenschaftlern geschickt entworfenes Mittel zur Datenbeschaffung sehen (Finke nennt dies „Citizen Science light“), rückt Finke auch die „Citizen Science proper“ ins Blickfeld, also diejenige eigenständige Forschung, die von unbezahlten Laien aus Leidenschaft gemacht wird. Und da er Citizen Science mithin nicht als bloßes Produkt der Professional Science sieht, kann er sie dieser als Partner, Korrektiv, manchmal auch Gegenmodell, jedenfalls aber als eigene, andersartige Wissenschaftsform gegenüberstellen. Citizen Science und Professional Science sind beide „richtige“ Wissenschaft; sie funktionieren nur unterschiedlich. Es ist klar, dass aus diesem Ansatz erhellende Einsichten über beide entstehen können.

Und Finke liefert diese Einsichten. Sein Buch handelt nicht nur von Citizen Science, sondern von Wissenschaft – die für ihn (Einsicht Nr. 1) nicht der bürokratische, von Politik und Wirtschaft am Gängelband geführte „Wissenschaftsbetrieb“ ist, sondern die allen Menschen eigene Suche nach rationaler Erkenntnis. Also ist Wissenschaft das Werkzeug der Aufklärung – das Ergebnis des „Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Und folglich ist gerade Citizen Science, also die von engagierten und interessierten Bürgern betriebene Suche nach Erkenntnis, mehr als bloß Hobbyspielerei mit Daten: Sie ist eine grunddemokratische Tätigkeit, ist der freie und anarchische Versuch, eigenes Weltwissen zu gewinnen, statt Autoritäten zu folgen.

Darin, dass Finke diese Begeisterung für die Bedeutung und die Möglichkeiten von Citizen Science vermittelt, liegt die Stärke seines Buches. Leider dauert es eine Weile, bis das Buch sich warmgelaufen hat. Es ist in vier Teile unterteilt, deren jeder Citizen Science (und ihr Verhältnis zur Professional Science) anhand eines Bildes untersucht: Die Expedition, aus der die Spitzenbergsteiger nur darum den Gipfel erreichen, weil viele andere die Ausrüstung zum Biwak geschleppt haben – der Apfelbaum, dessen Früchte die Einen am Boden, die anderen mit langen Leitern aus der höchsten Krone ernten – das Gebäude, zusammengesetzt aus vielen Disziplinen, himmelstrebend auf einem breiten Fundament und Erdgeschoss, das jeder durchlaufen muss – die Pyramide mit ihrer breiten Basis. Mir als Naturwissenschaftler wäre es naheliegend erschienen, induktiv vorzugehen, d.h., zu Anfang Citizen Science anhand vieler konkreter Beispiele vorzustellen, um dann daraus Verallgemeinerungen abzuleiten. Finke geht den umgekehrten Weg: Er beginnt mit Begriffsbestimmungen und Verortungen von Citizen Science, ohne dabei auf empirische Beobachtungen zu verweisen. Zwar beginnt jeder Abschnitt mit der Vorstellung eines Citizen Scientist, und gibt es überall im Text unterlegte Kästen, in denen Äußerungen vieler kleiner und großer Citizen Scientists zitiert werden – aber es fehlt in den ersten beiden Teilen am Bezug zwischen den Beispielen und dem Gesamtbild, fehlt einfach an Wendungen wie „Wie das Beispiel XY zeigt, . . .“ Die allgemeine Redeweise und die zahlreichen Wiederholen in diesen Teilen erzeugen den misslichen Eindruck, dass Citizen Science hier weniger beschrieben, als vielmehr beschworen wird.

Konkret fassbar wird sie dann ab dem dritten Teil. Hier folgen auch Klärungen – wie etwa die Abgrenzung von Citizen Science zur bloßen Sammelei –, die ich zuvor vermisst hatte. Im dritten Teil werden Wissensfelder vorgestellt, auf denen Citizen Science besonders tätig ist, werden Fragen der Kommunikation innerhalb der Citizen Science, sowie zwischen dieser und der Professional Science, erörtert, und auch die Frage, wie sich Citizen Science am besten fördern lässt. Und im vierten Teil folgen Untersuchungen, wie Citizen Science die professionelle Wissenschaft, die Politik und die Kultur verändern könnte. Es sind diese Teile, die verdeutlichen, wie wichtig Citizen Science als Motor, aber auch Indikator, demokratischen Geistes und gelebter Aufklärung sein kann, und die damit für das Thema begeistern. Ich rate daher dazu, die Lektüre mit dem Teil III zu beginnen, und erst am Schluss zu den ersten beiden Teilen zurückzublättern. Sie enthalten viele kluge Gedanken und Einsichten, fesseln aber nicht.

Insgesamt aber vermittelt das Buch zugleich eine umfassende und kundige Darstellung seines Themas, und Begeisterung für dieses. Es macht Lust auf Neugier, macht Lust darauf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Zumal der angewandte Verstand sogleich zahlreiche spannende Diskussionspunkte findet: Hat Feyerabend wirklich übertrieben? Gibt es tatsächlich nur eine Rationalität? Hat jeder Mensch – auch amerikanische Kreationisten – die Gabe und Lust zu rationaler Erkenntnis?

Da hat das Buch doch – trotz seines müden Einstiegs – sein Ziel erreicht.

Irrwissen 7 : Und der Balken?

In den Beiträgen zu dieser kleinen Serie habe ich, der Biologie, mir Architektur, Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Physik vorgenommen und gezeigt, wie die Weltsicht dieser Fächer durch allerlei Splitter im Auge getrübt wird. Unweigerlich drängt sich der Begriff „Betriebsblindheit“ auf, um zu erklären, wie sich solche Wahrnehmungsschwächen hartnäckig in einer Disziplin halten können. Und ebenso zwangsläufig kommt man so zur nächsten Frage: Wenn diejenigen, die in einem Fach forschen, lehren und publizieren, anscheinend aus Gewohnheit, Loyalität und unbewusstem Selbstschutz heraus außerstande sind, die gravierenden Fehler ihres eigenen Mainstreams zu erkennen – gilt das dann auch für mich? Gibt es da draußen Architekten, VWLer, Philosophen und Physiker, welche die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, diesen schütteln und sich sagen: „Was dieser Biologe da unterhinterfragt für wissenschaftliche Wahrheit nimmt, ist doch offensichtlicher Unfug – wie kann der nur? Wie kann er auf die Splitter in unseren Augen verweisen und den Balken in seinem eigenen Auge übersehen?“

Wenn es sie gibt, dann sind sie herzlich eingeladen, mir ihre Bedenken vorzustellen. Ich bin, so glaube ich, frei von Glaubensfuror, was wissenschaftliche Wahrheiten betrifft, und daher – hoffentlich – offen für jedes gute Argument. Bis solche Einwände kommen, muss ich umgekehrt vorgehen: Muss feststellen, welches die Grundannahmen meiner Wissenschaft sind, und selbst versuchen, sie infrage zu stellen.

Nun ist die Biologie weniger ein Fach als ein Fächer, und gewiss gibt es fundamentale Theorien in vielen Bereichen. In der Neurobiologie etwa tangiert uns das Leib-Seele-Problem, und es gibt, wie anderswo besprochen, berechtigte Zweifel, dass die tonangebenden Biologen hier auf der richtigen Spur sind. Aber wenn ich nach der maßgeblichen Theorie der Biologie suche, dann gibt es nur eine Kandidatin: Die Evolutionstheorie, über die Dobzhansky bekanntlich sagte: „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution.“

Auch an der Evolutionstheorie gibt es natürlich allerlei Zweifel von Seiten der Kreationisten verschiedener Couleur. Ich habe mich immer wieder mit diesen Zweifeln beschäftigt, und nein: Sie haben mich nie überzeugt. Es gibt, wie man in Richard Dawkins’ exzellentem Buch „The Greatest Show on Earth“ nachlesen kann, keinerlei Zweifel daran, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist; es gibt keinen Zweifel an der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen; es gibt keinen Zweifel an der evolutionären Abfolge der Arten und ihrer Entstehung über ca. drei Milliarden Jahre hinweg. Dies alles ist keine Theorie: Es sind Tatsachen. Wer gegen sie argumentiert, ist entweder dumm oder schlecht informiert oder ein Lügner.

Bedeutet das, dass ich keine Zweifel an der Evolutionstheorie zulasse? Mitnichten. Zwar ist es sicher, dass eine Evolution stattgefunden hat – aber darüber, wie sie stattgefunden hat, lässt sich durchaus reden. Und außerdem gibt es Seltsamkeiten. Und nicht zuletzt: Das Staunen.

Wie geschah Evolution?

Der reinen Lehre zufolge sind Mutation und Selektion die einzigen Mechanismen der Evolutionstheorie. Und wenn man sieht, wie Darwins Wachhunde über jeden herfallen, der es dank etwas kreativem Denken wagt, die Rolle der Selektion infrage zu stellen, dann kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass Mutation und Selektion doch nicht die ganze Story sein können: Je wütender einer um sich schlägt, desto dringender muss er von einer Verteidigungsschwäche ablenken. Tatsächlich mehren sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass die synthetische Evolutionstheorie vor einer größeren Krise stehen könnte. Denn die Vererbung erworbener Eigenschaften ist mittlerweile bei Pflanzen ebenso wie bei Mäusen gezeigt, und beim Menschen gibt es zumindest epidemiologische Hinweise darauf: Forscher haben jüngst genetisch identische Zuchtlinien der Ackerschmalwand beschrieben, die sich in der Blütezeit und Wurzellänge unterscheiden. Vererbt werden diese Eigenschaften nicht über die Abfolge der Basenpaare, sondern über Unterschiede in der DNA-Methylierung – und die kann durch Stoffwechselprozesse verändert werden. Bei Mäusen ist diese Möglichkeit schon gezeigt: Männliche Mäuse, die embryonal einen anti-androgenen Pharmakon ausgesetzt waren, produzieren später weniger Spermien – und vererben diese verringerte Produktion über mindestens vier Generationen. Hingegen steigt die Lernfähigkeit des Gehirns nicht nur bei Mäusen, die als Kinder eine reizreiche Umwelt erlebt haben, sondern auch bei deren Nachwuchs. Und beim Menschen werden die Söhne dicker, wenn die Väter früh angefangen haben zu rauchen, und wie viel die Großeltern als Kinder zu essen hatten, beeinflusst die Sterblichkeit der Enkel.

Noch sind das nur Einzelergebnisse. Aber wenn noch mehr solcher Befunde zusammenkommen, dann werden wir über die Entstehung angepasster Merkmale und das Verhältnis von Genotyp zu Phänotyp neu nachdenken müssen. Darwin wird das einerlei sein – der hat bekanntlich selbst die heute sogenannte „Lamarck’sche“ Vererbung für möglich gehalten. Aber seine selbsternannten Bluthunde werden schon unruhig. Dawkins tut die Epigenetik – also das Forschungsfeld, das sich mit erworbenen Modifikationen der DNA befasst – in einer Fußnote als unwichtig ab. Was nur beweist, dass Wissenschaftler Ideologen sein können.

Seltsamkeiten

Allerdings wird auch die Epigenetik mit der Lamarck’schen Vererbeung die synthetische Evolutionstheorie zwar vermutlich modifizieren, aber nicht grundlegend infragestellen. Es scheint gegenwärtig unwahrscheinlich, dass epigenetische Veränderungen des Erbmaterials die Selektion an Bedeutung übertreffen werden. Also doch kein Zweifel?

Nun, keinen, den ich an Daten und Fakten festmachen könnte. Aber es gibt Seltsamkeiten. Allen voran das Problem der Anagenese. Komplementär zur Phylogenese, welche die Auffächerung der Lebensformen beinhaltet, meint Anagenese deren Höherentwicklung im Laufe der Evolution. Das erscheint auf den ersten Blick offensichtlich und gar nicht problematisch: Am Anfang gab es nur einfache, bakterienähnliche Einzeller, und von da an ging es über Eukaryontenkolonien, wurmähnliche Tiere, Quastenflosser und Sahelanthropus stetig aufwärts bis zum modernen Menschen. Doch so einfach ist es nicht. Denn den evolutionären Mechanismen ist keine Richtung eingebaut. Die Selektion wählt nur die Varianten mit den meisten Nachkommen aus, also, verkürzt gesagt, die am besten angepasste Variante. Je nach Selektionsdruck kann eine einfache Form ebenso leicht best-angepasst sein wie eine komplexere Form. Der Regenwurm hat eine ebenso lange Evolution hinter sich wie wir Menschen, und Viren sind ein Extrembeispiel für konsequente Vereinfachung. Folgerichtig bestehen alle großen Popularisierer der Evolutionstheorie darauf, dass es „keine Scala naturae“ gibt und wir einer Sinnestäuschung unterliegen, wenn wir etwas anderes meinen.

Und doch hat Adolf Remane schon vor gut fünfzig Jahren Kriterien formuliert, nach denen sich „höherentwickelte“ von „einfacheren“ Arten im Tier- wie im Pflanzenreich unterscheiden (in Amerika hatte Samuel W. Williston schon 1914 Ähnliches formuliert). Überall hat die ursprüngliche Form ihre Strukturen – z.B. Gonaden, Körpersegmente, Nervenzellen – in vielen, gleichartigen Kopien und über den Körper verstreut, während die späteren Formen die Kopienzahl reduziert, sie differenziert, und an wenigen Stellen konzentriert. Das gilt für die Staubgefäße von Blütenpflanzen ebenso wie für die Rumpfmuskulatur von Wirbeltieren (Vergleichen Sie ein Fischfilet mit Ihren Bauchmuskeln) oder das Nervensystem, das sich bei Quallen über den ganzen Körper verteilt und bei Kraken, Spinnen und Menschen im Kopf gebündelt liegt. Und wie britische Forscher vor fünf Jahren zeigten, gibt es auch für die Crustaceen (also Krebse und so was) der letzten gut 500 Millionen Jahre einen umfassenden, quantifizierbaren Trend zu komplexeren, also unterschiedlich spezialisierten Beinen. Es scheint sich um ein allgemeingültiges Gesetz zu handeln – für das die aktuelle Evolutionstheorie noch keinen Platz hat.

Das Staunen

Wie konnten die Flügel der Insekten entstehen – die ja nicht, wie bei den Vögeln und Fledermäusen, veränderte Gliedmaßen sind, sondern zusätzliche Auswüchse am Rücken? Die Wissenschaft weiß es nicht. Wie ist das Paarungsverhalten jenes kleinen Amazonasfisches evolviert, der im Paar mit streng synchronisiertem Schwung aus dem Wasser an ein überhängendes Blatt springt, dort haften bleibt, um die Eier abzulegen, und sie bis zum Schlupf regelmäßig benetzt? Kein Einzelschritt dieses komplexen Verhaltens wäre überlebensfördernd ohne die anderen. Wann haben die ersten Vorfahren der Fledermäuse angefangen, sich kopfüber zu hängen, und woher „wussten“ sie, dass sie sich bei der Niederkunft zusammenkrümmen und mit den Armen eine Tasche formen müssen, damit das Neugeborene nicht in die Tiefe fällt? Von wem wurde der Schwänzeltanz der ersten Biene verstanden?

Keine dieser Fragen widerlegt die Evolutionstheorie. Ein „Ignorabimus“ ist eine wacklige Vorhersage: Die Evolution des Auges, die Darwin noch ratlos machte, ist längst verstanden und enträtselt. Vermutlich werden künftige Morphologen auch für die Entstehung der Insektenflügel eine einfache Lösung finden.

Trotzdem erwecken diese Beispiele, und überhaupt der faszinierende Reichtum der Natur, bei jedem unbefangenen Betrachter erst einmal Staunen. Können wir das wirklich erklären? Und es ist keine Antwort, wenn der synthetische Evolutionsbiologe schulterzuckend abwinkt: „Bedenke, das ist in Hunderten von Millionen Jahren entstanden.“ Denn diese „Hunderte Millionen Jahre“ erklären alles und nichts. Ob einer sagt: „Ganz einfach: Hunderte Millionen Jahre“ oder „Ganz einfach: Gott“, ist gleichbedeutend. In beiden Fällen werden Konzepte außerhalb des Vorstellbaren herangezogen, als ein Narkotikum, um das Staunen zum Schweigen zu bringen. Das Staunen aber ist bekanntlich der Anfang aller Philosophie.

Nein, in Wahrheit ist die Evolutionstheorie, so logisch und richtig sie im Einzelnen ist, im Ganzen unvorstellbar und unglaublich. Sie konnte von den Menschen des Abendlandes nur akzeptiert werden, weil sie einige Jahrzehnte zuvor den Fortschritt erfunden und an die Stelle Gottes gesetzt hatten, weil sie den Begriff einer in beide Richtungen unendlichen, geschichtlichen Zeit gebildet und hingenommen hatten, der anderen Kulturen fremd ist: Die indische Philosophie, sagt Borges, unterscheidet nicht, wann etwas geschrieben wurde; armenische Kirchenbauten sehen über die 1700 Jahre, welche diese Staatskirche besteht, alle gleich aus; japanische Tempel werden abgerissen und neu gebaut und bleiben doch dieselben: Alle diese Kulturen haben einen anderen – und vermutlich weniger abstrakten – Zeitbegriff. Sie hätten die Evolutionstheorie nie erdenken können. Nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern weil sie ihnen bedeutungslos gewesen wäre. Denn jede wissenschaftliche Theorie ist Ausdruck ihrer Kultur und trägt in ihr Bedeutung. Und wenn die abendländische Kultur dahinwelkt und neue Kulturen aufblühen, dann werden diese neuen Kulturen die Evolutionstheorie verwerfen, verdrängen, vergessen. Nicht, weil sie sie widerlegen könnten – das wäre ganz überflüssig, denn sie wird ihnen als unsinnig erscheinen. Sondern weil sie ihnen bedeutungslos sein wird.

Einspruch, Euer Ehren! Physiker dürfen das wirklich!

Zu meinen Zweifeln an der physikalischen Theoriebildung haben mich Kommentare aus der einschlägig bewanderten Verwandtschaft (sozuagen der Bewandertschaft) erreicht. Mein Onkel Norbert Herrmann hat mir dankenswerterweise gestattet, seinen Kommentar hier zu veröffentlichen:

Hallo,

bevor sich die Missverständnisse noch weiter aufbauen, ein paar Worte zur Klarstellung bezgl. Konrads physikalischen Fragen und Antworten:

Viele werden sich aus der Schule noch an die Funktion f(x) = 1/x erinnern. Geht man für positive x gegen 0, so strebt der Wert der Funktion nach +unendlich. Setzt man negative Werte ein, so strebt bei Annäherung an 0 die Funktion nach -unendlich. Wir sagen daher in der Mathematik, dass diese Funktion im Nullpunkt singulär ist, sie hat im Nullpunkt eine Singularität.

Genau so verhält es sich mit den sehr komplizierten Differentialgleichungen, die Physiker zur Beschreibung der Welt verwenden. Die Lösung dieser Gleichungen hat leider bei -14.8 Millarden, dem vermuteten Ursprung, eine Singularität. Das bedeutet, die Lösung lässt sich auf diesen Anfang nicht anwenden, dort gibt es aus dieser Theorie  keine Aussage.

Das bedeutet nicht, dass die Physik falsch ist (oder gar die Physiker Dummköpfe!), sondern es sagt uns lediglich, dass die mathematischen Modellgleichungen nicht vollständig genug sind, um diesen Ursprung zu beschreiben. Deine Annahme, lieber Konrad, dass die Welt damals ein Punkt war, hast Du ja selbst durch Deine Überlegung widerlegt. Der Anfang ist leider noch unklar.

Das hat es schon immer so gegeben. Der Weg vom Rutherfordschen Atommodell über das Bohrsche Modell bis zu Schrödinger und Heisenberg ist genau so verlaufen, dass das mathematische Modell ständig verbessert werden musste, weil es in bestimten Bereichen nicht aussagekräftig war.

Und so suchen heute die Physiker im Verein mit Mathematikern nach besseren Modellen. Man vermutet, dass die Stringtheorie hier helfen kann, vielleicht auch eine M-Theorie, auch Symmetrie-Theorien werden betrachtet. Aber das ist alles sehr, sehr schwierig. Wir müssen die Zukunft abwarten. In meinem neuen Buch ‚Mathematik und Gott und die Welt‘, das am 1. Dez. auf den Markt kommt, habe ich auch zu diesem Themenkomplex einiges beigetragen und habe eine vielleicht überraschende Antwort auf die Frage: Was war eigentlich vor dem Urknall?

So ist es auch mit der Gravitation. Wir erleben doch gerade, dass Peter Ware Higgs für seine Vorhersage des Higgs-Teilchens vor 50 Jahren heute den Physiknobelpreis erhält. 50 Jahre hat das gedauert. Ein Teilchen zur Bestimmung der Gravitation wird erst seit ca. 10 Jahren experimentell gesucht. Geben wir den Physikern doch eine Chance und fragen in 40 Jahren, was sie gefunden haben.

Irrwissen 6 : Physiker dürfen das.

Widerspricht : Meistens Vernunft

Fachbereich: Physik

Bei meinen bisherigen Beiträgen in dieser Serie war es mir wichtig, mir meiner Sache sehr sicher zu sein. Keine Verschwörungstheorien, keine Pseudowissenschaften, kein esoterisches Geraune, kein „Das kann doch nicht sein.“ In jedem der fünf Fälle, die ich vorgestellt habe, irrt sich eine wissenschaftliche Disziplin offenkundig, nachweislich und unbestreitbar. Und dabei, das zu erkennen und zu akzeptieren, hilft es, dass in jedem Fall bessere Vorschläge vorhanden sind. Denn TINA – „there is no alternative“ – ist zwar kein sonderlich gutes Argument, aber trotzdem mächtig. In der übernächsten (und voraussichtlich letzten) Folge werde ich darauf zurückkommen.

Mit den drei Seltsamkeiten in der physikalischen Theoriebildung, die ich hier versammle, verhält es sich anders. Erstens scheinen die Physiker sich z.T. selbst sehr wohl bewusst zu sein, dass die Lage der Dinge unbefriedigend ist. Und zweitens ist mir keine bessere Alternative bekannt. Daher kann man niemandem einen Vorwurf machen. Aber zeigen, dass die Welt nicht so sicher ist, wie die Wissenschaft verspricht, kann man trotzdem.

a) Physik 1 : Urknall – Der unbewegte Beweger

Laut herrschender Kosmologie ist das Universum entstanden, als ein unendlich kleiner Punkt aus Energie / Materie (das war in dem Zustand dasselbe) explodiert ist – der sogenannte Urknall. Dabei entstanden die gesamte Energie und Materie des Weltalls, die dann begannen, sich zusammenzuballen, zu verdichten, zu kreiseln etc., bis am vorläufigen Ende ich am Schreibtisch diese Sätze tippe.

Aber ein Punkt ist in sich homogen. Er hat, mathematisch betrachtet, überhaupt keine Eigenschaften, aber wenn wir uns ihn physikalisch als ein materielles „Etwas“ vorstellen, dann muss er jedenfalls in alle Richtungen völlig gleich sein. Also gab es beim Urknall keine Ungleichmäßigkeiten. Das Universum flog auseinander wie eine perfekt kugelförmige Seifenblase. Es gab keine Unregelmäßigkeiten, die an einer Stelle zu Verdichtungen hätten führen können, an der Nachbarstelle aber nicht. Denn solche Unregelmäßigkeiten müssten ja eine Ursache haben – eine Ursache, die es in einem homogenen Punkt nicht geben kann. („Wir haben also gerade gezeigt, dass, wenn wir hier wären, wir nicht hier wären“, sagte Kublai Khan. „Und hier sind wir“, sagte Marco Polo. – Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte).

Soweit ich weiß, „lösen“ die Physiker dieses Dilemma mit Hilfe von „Singularitäten“ im Quantenbereich. Nun gut, „nobody understands quantum mechanics“, und ich am allerwenigsten. Aber für mich als handfesten Naturwissenschaftler klingt „Singularität“ schon sehr nach: „Ein Wunder geschieht.“

b) Physik 2 : Dunkle Materie – “ . . . dann umso schlechter für die Fakten.“

Es ist schon erstaunlich, was andere Leute dürfen. Man stelle sich Folgendes vor: Im Jahre 1952 stellten Alan L. Hodgkin & Andrew F. Huxley das nach ihnen benannte mathematische Modell auf, um die Entstehung des Aktionspotentials am Riesenaxon des Tintenfischs zu beschreiben, das sie gemessen hatten. Angenommen, die Messwerte hätte mit ihren eleganten Differentialgleichungen nicht zusammengepasst, und sie hätten daraufhin „dunkle Ionen“ postuliert, die man nicht direkt beobachten kann, sowie, zusätzlich zu den sie antreibenden elektrischen und chemischen Gradienten, noch „dunkle Energie“, damit die Messwerte zu den Gleichungen passen. Hätten Hodgkin und Huxley dann, zusammen mit John. C. Eccles, im darauffolgenden Jahr den Nobelpreis bekommen? Schwerlich.

Physiker dürfen das. Die gemessene Rotation der Galaxien passt nicht zum dritten Keplerschen Gesetz. Bezweifelt man also die Gültigkeit der Keplerschen Gesetze zur Beschreibung der Rotation von Galaxien? Nein. Man nimmt an, dass es da draußen zusätzlich zur Materie, die wir sehen können, noch dreimal soviel „dunkle Materie“ gibt, die wir nicht sehen können, und von deren physikalischen, chemischen und sonstigen Eigenschaften wir nichts wissen. Und da zu allem Überfluss das Universum auch noch beschleunigt expandiert, was durch die sichtbare Materie nicht erklärbar scheint, wird ein weiteres Dreifaches an „dunkler Energie“ hinzugedichtet. Als redlich werkelnder Biologe, der sich an harte Fakten klammert, bin ich entsetzt.

c) Physik 3 : Teilchenphysik – leere Käfige im Zoo

Aber bei Physikern ist das anscheinend normal. „Wie oben, so unten“, und also steht es mit der Teilchenphysik wenig besser. Das Standardmodell braucht zwar nur die, und genau die, Teilchen, die bislang gefunden worden sind, kann aber nicht alles erklären, schon gar nicht die Gravitation. (Die durch sogenannte Gravitationswellen erklärt werden soll, die man, trotz millionenteurer Detektoren an mehreren Orten der Welt, noch immer kein einziges Mal beobachtet hat.) Also erfinden die Theoretiker andere Modelle: Die Stringtheorie mit ihren elf Dimensionen, die sich nicht beobachten und mithin nicht falsifizieren lassen. Oder die Supersymmetrie, die zu jedem Elementarteilchen, das gerade erst mit lieber Mühe entdeckt worden ist, noch ein symmetrisches Gegenstück postuliert. So dass wieder nur die Hälfte des Teilchenzoos empirisch vorhanden ist – immerhin eine bessere Quote als bei der dunklen Energie.

Ich habe, wie gesagt, keine besseren Vorschläge. Und ich glaube den Physikern, dass sie sich redlich darum bemühen. Aber das Vertrauen, das ich etwa den wackeren newtonschen Bewegungsgesetzen entgegenbringe, kann ich für die Astro- und Teilchenphysik leider nicht anbieten.