Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

Angewandte Aufklärung

Eine Rezension zu

Peter Finke: Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien

Die umfassendste und meistgenutzte Quelle nicht nur von Information, sondern von Wissen, die es auf der Welt gibt, ist die Wikipedia. Ein Lexikon, das, anders als Brockhaus und Britannica, nicht von bezahlten Profis geschrieben wird, sondern von Jedermann. Gewiss, es schreiben auch Universitätsdozenten daran mit. Aber der größte Teil des Inhalts kommt von Laien, Liebhabern, Hobbyexperten.

Damit ist die Wikipedia vielleicht das größte Citizen Science-Projekt unserer Zeit. Aber Citizen Science ist keine neue Erfindung und auch kein Kind des Internets. Immer schon haben sich Menschen aus Neugier mit bestimmten Wissensfeldern befasst, ohne dafür ausgebildet worden zu sein. In vielen Orten gibt es Naturwissenschaftliche Vereine, die ein beträchtliches Alter haben können. Ja, selbst die Großväter der synthetischen Evolutionstheorie, Darwin und Mendel, waren, genau genommen, Laien.

Aber obwohl Citizen Science nicht neu ist, erlebt sie in den letzten Jahren einen Aufschwung, der professionelles Interesse mit sich bringt. Einen großen Anteil daran hat vermutlich der Trend, Laien zur Datenbeschaffung in Forschungsprojekte einzubinden, etwa bei Kartierungen, dem Foldit-Projekt oder dem (aus meiner Sicht ziemlich albernen) SETI-Projekt. Darum war es an der Zeit, dass sich die Wissenschaftstheorie mit dem Phänomen beschäftigt.

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker an den Unis von Bielefeld und Witten-Herdecke und selbst Zeit seines Lebens begeisterter Citizen Scientist als Ornithologe und Aquarianer, legt mit diesem Buch die – nach Selbstaussage – erste umfassende deutschsprachige Würdigung und Untersuchung von Citizen Science vor. Er nimmt das Phänomen daher sehr ernst. Wo andere in Citizen Science nur ein von Profiwissenschaftlern geschickt entworfenes Mittel zur Datenbeschaffung sehen (Finke nennt dies „Citizen Science light“), rückt Finke auch die „Citizen Science proper“ ins Blickfeld, also diejenige eigenständige Forschung, die von unbezahlten Laien aus Leidenschaft gemacht wird. Und da er Citizen Science mithin nicht als bloßes Produkt der Professional Science sieht, kann er sie dieser als Partner, Korrektiv, manchmal auch Gegenmodell, jedenfalls aber als eigene, andersartige Wissenschaftsform gegenüberstellen. Citizen Science und Professional Science sind beide „richtige“ Wissenschaft; sie funktionieren nur unterschiedlich. Es ist klar, dass aus diesem Ansatz erhellende Einsichten über beide entstehen können.

Und Finke liefert diese Einsichten. Sein Buch handelt nicht nur von Citizen Science, sondern von Wissenschaft – die für ihn (Einsicht Nr. 1) nicht der bürokratische, von Politik und Wirtschaft am Gängelband geführte „Wissenschaftsbetrieb“ ist, sondern die allen Menschen eigene Suche nach rationaler Erkenntnis. Also ist Wissenschaft das Werkzeug der Aufklärung – das Ergebnis des „Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Und folglich ist gerade Citizen Science, also die von engagierten und interessierten Bürgern betriebene Suche nach Erkenntnis, mehr als bloß Hobbyspielerei mit Daten: Sie ist eine grunddemokratische Tätigkeit, ist der freie und anarchische Versuch, eigenes Weltwissen zu gewinnen, statt Autoritäten zu folgen.

Darin, dass Finke diese Begeisterung für die Bedeutung und die Möglichkeiten von Citizen Science vermittelt, liegt die Stärke seines Buches. Leider dauert es eine Weile, bis das Buch sich warmgelaufen hat. Es ist in vier Teile unterteilt, deren jeder Citizen Science (und ihr Verhältnis zur Professional Science) anhand eines Bildes untersucht: Die Expedition, aus der die Spitzenbergsteiger nur darum den Gipfel erreichen, weil viele andere die Ausrüstung zum Biwak geschleppt haben – der Apfelbaum, dessen Früchte die Einen am Boden, die anderen mit langen Leitern aus der höchsten Krone ernten – das Gebäude, zusammengesetzt aus vielen Disziplinen, himmelstrebend auf einem breiten Fundament und Erdgeschoss, das jeder durchlaufen muss – die Pyramide mit ihrer breiten Basis. Mir als Naturwissenschaftler wäre es naheliegend erschienen, induktiv vorzugehen, d.h., zu Anfang Citizen Science anhand vieler konkreter Beispiele vorzustellen, um dann daraus Verallgemeinerungen abzuleiten. Finke geht den umgekehrten Weg: Er beginnt mit Begriffsbestimmungen und Verortungen von Citizen Science, ohne dabei auf empirische Beobachtungen zu verweisen. Zwar beginnt jeder Abschnitt mit der Vorstellung eines Citizen Scientist, und gibt es überall im Text unterlegte Kästen, in denen Äußerungen vieler kleiner und großer Citizen Scientists zitiert werden – aber es fehlt in den ersten beiden Teilen am Bezug zwischen den Beispielen und dem Gesamtbild, fehlt einfach an Wendungen wie „Wie das Beispiel XY zeigt, . . .“ Die allgemeine Redeweise und die zahlreichen Wiederholen in diesen Teilen erzeugen den misslichen Eindruck, dass Citizen Science hier weniger beschrieben, als vielmehr beschworen wird.

Konkret fassbar wird sie dann ab dem dritten Teil. Hier folgen auch Klärungen – wie etwa die Abgrenzung von Citizen Science zur bloßen Sammelei –, die ich zuvor vermisst hatte. Im dritten Teil werden Wissensfelder vorgestellt, auf denen Citizen Science besonders tätig ist, werden Fragen der Kommunikation innerhalb der Citizen Science, sowie zwischen dieser und der Professional Science, erörtert, und auch die Frage, wie sich Citizen Science am besten fördern lässt. Und im vierten Teil folgen Untersuchungen, wie Citizen Science die professionelle Wissenschaft, die Politik und die Kultur verändern könnte. Es sind diese Teile, die verdeutlichen, wie wichtig Citizen Science als Motor, aber auch Indikator, demokratischen Geistes und gelebter Aufklärung sein kann, und die damit für das Thema begeistern. Ich rate daher dazu, die Lektüre mit dem Teil III zu beginnen, und erst am Schluss zu den ersten beiden Teilen zurückzublättern. Sie enthalten viele kluge Gedanken und Einsichten, fesseln aber nicht.

Insgesamt aber vermittelt das Buch zugleich eine umfassende und kundige Darstellung seines Themas, und Begeisterung für dieses. Es macht Lust auf Neugier, macht Lust darauf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Zumal der angewandte Verstand sogleich zahlreiche spannende Diskussionspunkte findet: Hat Feyerabend wirklich übertrieben? Gibt es tatsächlich nur eine Rationalität? Hat jeder Mensch – auch amerikanische Kreationisten – die Gabe und Lust zu rationaler Erkenntnis?

Da hat das Buch doch – trotz seines müden Einstiegs – sein Ziel erreicht.

Irrwissen 3 : Ich bin so frei.

Widerspricht : Vernunft

Fachbereich : Neurophilosophie

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Philosophen sind, alles in allem, unschuldig. Es sind meine Kollegen, die Neurobiologen, die auf ihnen unbekanntes Gelände vorgedrungen sind und dabei Landkarten und ortskundige Führer achtlos haben links liegen lassen, weil ja doch niemand ein besserer Geometer sein kann als sie selbst. Und so machen sie sich nun wichtig und tönen in allen Gazetten und Talkshows, die Neurobiologie hätte bewiesen, dass es keinen Freien Willen gebe, und darum müsse die gesamte Rechtsprechung, die philosophische Ethik und überhaupt das abendländische Menschenbild neu definiert werden.

Was haben „wir“ denn bewiesen? Nun, es gibt verschiedene Experimente, die den Rang der bewussten Entscheidung in Zweifel ziehen, aber das berühmteste und verstörendste ist das von Benjamin Libet. Er nahm von Versuchspersonen das EEG und maß darin das Bereitschaftspotential – eine Schwankung, die zuverlässig einige hundert Millisekunden auftritt, bevor eine Bewegung ausgeführt wird. In diesem Falle war die Bewegung, um die es ging, das Drücken eines Knopfes. Dann ließ er die Versuchspersonen auf einen Zeiger schauen, der sich drehte, und bat sie, sich zu merken, an welcher Position sie den Entschluss fassten, den Zeiger zu drücken – sie konnten das tun, wann sie wollten. Das Bereitschaftspotential aber – und das ist die Sensation – trat stets schon vorher auf. Es handelt sich zwar nur um Sekundenbruchteile. Aber im Prinzip hätte Libet den Versuchspersonen sagen können: „Du wirst gleich wollen.“

Was hat Libet damit gezeigt? Dass neuronale Prozesse, die uns nicht bewusst werden, Entscheidungen bestimmen, die wir als „frei“ empfinden. Das sieht auf den ersten Blick beunruhigend aus, aber gar so überraschend ist das nicht. Bei Licht betrachtet sind neuronale Prozesse genau dazu da. Mein Gehirn feuert in jeder Sekunde Zigtausende von Aktionspotentialen, aber nur ein Bruchteil dieser Informationsverarbeitung wird mir bewusst. Wenn ich sprachlich denke, geschieht das überwiegend in korrekter deutscher Syntax: Ich baue meine inneren Sätze nicht bewusst zusammen. Also ist da im Stillen ein Grammatikmodul aktiv und liefert das, was ich denke, bereits vorgefertigt an. Das mag staunenswert sein, aber eine große philosophische Herausforderung ist es nicht gerade. Und dasselbe gilt für all die anderen Experimente, mit denen Neurobiologen zeigen, dass meine Handlungen und Gedanken neuronal streng determiniert sind.

Denn: Der Befund, und das Problem, das er mit sich bringt, sind für den Philosophen alles andere als neu. Darüber, was Determinismus für die Willensfreiheit bedeutet, hat schon Platon nachgedacht; Augustinus hat in den Confessiones darüber gegrübelt, wie Gottes Allmacht mit meiner Verantwortung zusammengeht (was im Prinzip dasselbe Problem in anderer Verkleidung ist), die englischen Empiristen bedachten das Problem in ihrer Sprache, und Schopenhauer promovierte über die „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“: Zu allen Zeiten, durch die Jahrtausende hindurch, haben Philosophen gewusst, dass alles Geschehen vollständig determiniert ist. Es ist ja nett, wenn Neurobiologen das nun auch rausfinden und hübsch illustrieren, aber neu – nein, neu ist das wirklich nicht. Nebenbei und wohlgemerkt: Es ist dabei völlig irrelevant, ob diese Gründe psychisch oder neuronal sind. Über Determinismus und Willensfreiheit haben Philosophen schon gegrübelt, als noch nie jemand ein Neuron gesehen hatte.

Und mehr noch: Es ist auch eigentlich kein Problem. Die landläufige Annahme besagt: „Wenn alles, was ich tue, vollständig determiniert ist, dann gibt es keinen Freien Willen.“ Das klingt plausibel, ist aber Unfug. Was wäre denn die Alternative zur Determiniertheit? – Die Indeterminiertheit. Also: Dass Dinge geschehen, für die es keinen hinreichenden Grund gibt. Mit anderen Worten: Zufall, Chaos. Es würde bedeuten, dass ich für Handlungen, die ich begangen habe, nicht sagen könnte, warum ich sie begangen habe. Dass ich plötzlich und unvorhersehbar Dinge tue, die sich nicht aus dem Vorangegangenen – meinem Charakter und den Umständen – herleiten lassen. Ich finde diese Vorstellung alles andere als verlockend, und schon gar nicht frei. Tatsächlich benennen wir diese Vorstellung (bzw. das, was ihr am nächsten kommt) mit negativ gefärbten Worten wie: Blackout, Filmriss, Wahnsinn. Das Verlangen, „vernünftig“, also begründet und vorhersagbar, zu handeln, ist bei uns Menschen so stark, dass es sogar das Phänomen der Konfabulation gibt: Wenn wir dazu gebracht werden, Dinge zu tun, deren Ursachen uns nicht bekannt sind – etwa durch unterschwellige Beeinflussung oder Stromstöße im Gehirn -, dann erfinden wir auf Nachfragen hin Gründe dafür, und glauben diese selbst. Schon Schopenhauer hat es gesagt, und die Konstruktivisten später auch: Selbst wenn die Welt nicht kausal determiniert wäre, würden wir sie so wahrnehmen als ob. Wir sind so gemacht.

So scheinen wir vor einer tristen Wahl zu stehen: Zwischen Skylla und Charybdis, Pest und Cholera, Merkel und Steinbrück: zwischen Unfreiheit und Chaos. Aber dem ist nicht so. Wenn die Alternative zu Determinismus nicht Freiheit lautet – dann sind Determinismus und Freiheit auch nicht unvereinbar. Dann ist einfach die Frage falsch gestellt. Wenn wir mit Freiheit in Wahrheit gar nicht meinen, dass wir undeterminierte Dinge tun, dann ist die Frage: Was meinen wir dann?

Die Frage ist nicht knapp und im Handumdrehen zu beantworten. Das Gegenteil von Freiheit ist Zwang, und so ist es wahrscheinlich kein falscher Ansatz, zu sagen, dass Willensfreiheit dann besteht, wenn man ohne Zwang entscheiden kann. (Und es ist begrifflicher Unfug, zu sagen, synaptische Aktivitäten in meinem Gehirn zwängen mich zu etwas. Ich bin diese synaptischen Aktivitäten.) Aber was ist mit inneren Zwängen, wie sie bei einer Geisteskrankheit vorliegen oder einer Zwangserkrankung? Sie schränken zweifellos die Willensfreiheit ein, spielen sich aber in demselben Gehirn ab, welches das unfreie Ich konstituiert. Gehören die neuronalen Prozesse, welche die Zwangserkrankung erzeugen, also nicht zum Ich? Ich habe keine einfache Antwort darauf, aber es scheint, dass nicht alles, was in unserem Gehirn (oder, für die Dualisten unter uns: in unserem Geist / unserer Seele) geschieht, zum Ich gehört. Das ist kein ungewöhnlicher Gedanke; für Freud wäre er trivial.

Aber auch ohne die Frage abschließend gelöst zu haben können wir konstatieren: Die Revolution des Menschenbildes und des Strafrechts (das übrigens längst schon den §20 StGB kennt: Unzurechnungsfähigkeit) durch die Neurobiologie fällt bis auf Weiteres aus. Was Willensfreiheit bedeutet, wird weiterhin in der Philosophie diskutiert.