Hochliteratur ohne Zukunft

Gerade habe ich „Revolutionen“ von Jean-Marie Gustave Le Clézio gelesen. Der Autor ist der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2008, und „Revolutionen“ laut Umschlagtext angeblich sein anspruchsvollster und umfassendster Roman.

Hier kann man meine Rezension des Buches lesen. Ich will sie hier nicht wiederholen (kurz: drei Sterne), denn es geht mir hier um etwas Allgemeineres.

Le Clézios dicker, ereignisarmer und bisweilen langatmiger Wälzer ist eine ausgeweitete Autobiographie, auch wenn sie in der dritten Person geschrieben ist und einige Namen und Details verändert. Ausführlich erzählt er sein eigenes Heranwachsen in Nizza und London, obgleich es darin keine wirklich besonderen Vorkommnisse gab: Hat Abi gemacht, hat Medizin studiert, hat sexuelle Beziehungen gehabt. Darüber hinaus erzählt er den Beginn seiner Familiengeschichte: Die entscheidenden Jahre im Leben jenes Vorfahren, der kurz nach der Französischen Revolution nach Mauritius auswanderte und dort das Familiengut begründete. Als Brücke dazwischen die Großtante des Helden, die ihm berichten kann, wie die Familie das Gut 1910 verlor und nach Frankreich zurückkehrte.

Es ist also rein dokumentarisches Schreiben. Es geht um das, was war. Le Clézio bekennt das offen und macht eine Tugend daraus: „Warum soll man Geschichten erfinden, Geschichten schreiben?“ fragt er gegen Ende des Buches. Er drückt damit, scheint mir, eine Haltung aus, die in der gegenwärtigen Literaturszene verbreitet und für Großschriftsteller typisch ist.

Man gehe einmal die Liste der Literaturnobelpreisträger der, sagen wir, letzten 20 Jahre durch. Viele muss ich nachschlagen, weil ich ihre Werke nicht kenne. Daher nur kursorisch: Grass – schreibt von der jüngeren Vergangenheit, die er erlebt hat. Naipaul – Reiseschriftsteller; seine Romane handeln von den Ländern, die er erlebt hat. Kertész – verarbeitet autobiographische Erfahrungen. Lessing – erzählt in ihren Hauptwerken von sich und ihren Eltern. Müller – kann von gar nichts anderem reden als von der Ceaușescu-Diktatur. Vargas Llosa – erzählt immer wieder autobiographisch. Modiano – hat die Erinnerung an die deutsche Besetzung Frankreichs zu seinem Thema gemacht. Alexijewitsch – schreibt politische Dokumentarprosa. Dylan – singt von unserer Zeit.

Es geht um Erinnerung. Es geht um „Aufarbeitung“. Es geht also um Vergangenheit.

Die von Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Jurys geschätzte Literatur handelt stets vom Gewesenen. Selten dagegen handelt sie vom Zukünftigen, vom Möglichen. Oder gar Unmöglichen. Der Blick geht immer nach hinten. Aber wenn Künstler so etwas wie Kundschafter möglicher Zukünfte sind – müsste ihr Blick dann nicht nach vorn gehen? Wer soll die die Ideen, die Hoffnungen, die Utopien in Worte fassen und lebendig machen, wenn nicht die Schriftsteller?

Dass die Literaturkritik die phantastische und Fantasy-Literatur so konsequent verachtet und missachtet, ist ein Symptom für das Misstrauen, das unsere Kultur gegenüber der Utopie hegt. Sie ist ein Symptom für das Gefühl der Alternativlosigkeit, das alles Geistesleben durchdrungen hat. Wenn das Bestehende alternativlos ist, dann hat es keinen Sinn zu fragen, was sein könnte. Dann ist die Zukunft kein Ort der Spekulation, sondern allenfalls der Resignation.

Zum Glück gibt es auch andere Literatur. Zum Glück gibt es Ursula K. LeGuin mit ihren anarchistischen Utopien. Terry Pratchett mit seinem nimmermüden Lob des Geschichtenerzählens. Stanislaw Lem mit seiner brillanten Erkundung des Denkbaren. Jorge Luis Borges mit seinen vielfältigen Einladungen zu Denken und Spekulation. Jasper Fforde mit der heiteren Zertrümmerung aller Konventionen.

Für weitere Empfehlungen bin ich dankbar.

Wir werden gelernt haben . . .

Norbert Rost, dessen Texte und Blogs ich hier immer gerne verlinke, hat auf seine Seite Peak-Oil.com gerade einen Beitrag gestellt, den der sächsische Bürgerrechtler und Umweltschützer Michael Beleites vor drei Tagen in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung gehalten hat. Er prognostiziert darin, was wir im Jahre 2030 gelernt haben werden, wenn die bevorstehende Krise abgeklungen ist. Also eines der viel zu seltenen Beispiele utopischen Denkens, das ich mithin hier gerne weiterverbreite.