Drei alte und neue Widerlegungen Gottes

Vorweg: Es ist nicht die Absicht dieser Argumente, Gläubige zu ärgern. Ich bin kein missionarischer, strenggläubiger Atheist. Es geht mir gar nicht um den Glauben, sondern nur um das Spiel der Gedanken. Und vielleicht darum, aufzuweisen, dass Gott, wenn wir von ihm oder ihr oder diesem seltsamen Unding sprechen müssen, jedenfalls nicht im engumfriedeten Ländle der Vernunft zu finden ist. Das macht aber gar nichts und ist den meisten Gläubigen auch gar nicht neu. Außerhalb der überschaubaren Umfriedungen, welche die Vernunft als jungfräuliche Kaiserin beherrscht, liegt noch sehr viel, liegt alle Schönheit dieser Welt, liegt die Liebe, liegt die Traumzeit und die Unendlichkeit des Augenblicks. Es ist durchaus keine Schande, für die Vernunft unsichtbar zu sein. Peinlich wird es erst, wenn man dies nicht wahrhaben und der Vernunft neue Kleider abgeben will.

Also: Man hört und liest des öfteren, Gott lasse sich zwar nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen, und damit sei ja immer noch Raum für einen diplomatischen Agnostizismus. Das ist Unfug. Die Behauptung speist sich aus der Vorgabe der Logik, dass man All-Sätze nur widerlegen (nicht beweisen) und Existenz-Sätze nur beweisen (nicht aber widerlegen) könne. Im Prinzip, d.h. in jenen Gefilden der Abstraktion, in denen Logiker und Mathematiker sich mit Vorliebe bewegen, mag das stimmen. Für die praktische Welterkenntnis aber ist es falsch. Wenn jemand behauptet – um das klassische Beispiel aufzuwärmen -, es gebe Einhörner, dann bedarf es durchaus keiner Komplettinventarisierung der Natur, um ihn zu widerlegen. Es genügt ein bisschen Systematik: Das Einhorn ist ein Paarhufer (nein! kein Pferdeverwandter!). Paarhufer haben keratinöse Hörner paarig am Kopf und ein in der Mitte geteiltes Stirnbein. Darum habe alle Hornträger unter den Paarhufern paarige Hörner. Ein unpaares Horn auf der Stirn gibt es im Bauplan der Paarhufer nicht – gibt es, soweit ich weiß, im ganzen Tetrapodenreich nicht. Also ist ein Einhorn systematisch unmöglich und mithin inexistent.

(Wo wir gerade bei den Tetrapoden sind: Ähnliches gilt von den Engeln. Wir Tetrapoden haben – nichts anderes bedeutet die Bezeichnung – zwei Paar Gliedmaßen. Diejenigen von uns, die fliegen können – Vögel und Fledertiere – haben das vordere Paar zu Flügeln umgewandelt und verzichten dafür auf Hände. Ein Engel müsste drei Paar Gliedmaßen haben und also von den Silberfischchen abstammen, jedenfalls aber nicht vom Menschen.)

Worauf ich also hinaus will: Man kann die Existenz postulierter Wesenheiten dann widerlegen, wenn diesen Wesenheiten bestimmte Attribute beigelegt sind. Und das ist die Regel; Pippi Langstrumpfs Spunk ist eher die Ausnahme, und nur deswegen war ihre Suche erfolgreich. Wenn die Attribute miteinander im logischen Widerspruch stehen, dann kann es das Wesen nicht geben. Es kann keinen schwebenden Menschen geben, weil Fleisch und Knochen eine gewisse Dichte haben und der Erdanziehungskraft unterliegen. Es kann kein langfristig stabiles Wirtschaftssystem mit zwingend positiven Zins tragendem Geld geben, weil das stets lineare Wirtschaftswachstum mit dem exponentiellen Zinseszinswachstum nicht mithalten kann. Und es kann, nach ähnlichen Erwägungen, Gott nicht geben.

1. Weil das gute alte Theodizeeproblem unlösbar ist.

Es tut mir ja leid, den hochgelehrten und hochintelligenten Erwägungen der Theologen, die sie nun schon seit gut zwei Jahrtausenden züchten, so brutal die Luft abzudrehen. Aber es hat nun einmal keinen Zweck, eine Lösung für ein Problem zu suchen, dessen Unlösbarkeit a priori feststeht. Auch wenn solchem donquijotischen Bemühen einige der klügsten und edelsten Erzeugnisse des menschlichen Geistes entspringen. Wenn Gott die Attribute Allmacht, Allwissenheit und Güte hat, dann ist dies mit der Existenz des Leids auf der Welt unvereinbar. Punkt. Ende der Diskussion. Also kann es einen Gott, der diese Attribute hat, nicht geben.

Die Neigung, Schleichwege um eine logische Selbstschussanlage herum zu suchen, scheint aber übrigens allgemein menschlich und mitnichten eine Schwäche der ach so irrationalen Theologen zu sein. Man findet sie auch – wo man es wohl nie erwarten würde – bei der feindlichen Mannschaft der materialistischen Geistesphilosophen. Jaegwon Kim beendet sein Lehrbuch “Philosophy of Mind” mit der logisch unwiderleglichen Beweisführung, dass das Problem der mentalen Verursachung in einem physikalistischen Weltbild nicht zu lösen ist. Nur um zu dem Schluss zu kommen, dass da also noch viel Forschungsarbeit zu tun sein wird, um dieses Problem zu lösen.

2. Weil Gott an Langeweile gestorben ist.

Vor schon etwelchen Jahren schrieb ich eine Erzählung, deren Plot, sehr kurz gefasst, ungefähr so ging:

Das lyrische Ich, ein Autor, schreibt eine Geschichte. Als die Handlung eine Krisis erreicht und die Hauptperson nicht mehr weiter weiß – “Oh Gott, hilf mir!” ruft sie aus -, beschließt der erzählende Autor, dass damit nur er gemeint sein kann, da in der erzählten Welt er Gott ist, und so träumt er sich in seine eigene Geschichte hinein. Er rettet die Hauptperson, spielt ein bisschen Weltherrscher, und merkt binnen kurzem, dass ihn das furchtbar langweilt. Nichts kann ihn überraschen, nichts ihn herausfordern. So lässt er schließlich eine Verschwörung gegen sich zu, die ihn – nur in der erzählten Welt, versteht sich – tötet. Die Geschichte heißt: “Imitatio Christi”.

Allmacht ist unerträglich langweilig. Es gibt von Alexandre Dumas d.Ä. ein eher unbekanntes Werk, „Der Ratschluss des Magiers“, bei dem man nach wenigen Seiten erfährt, dass die Hauptperson allmächtig ist. Ich habe die Lektüre an der Stelle abgebrochen. Woher sollte Spannung entstehen, woher ein Konflikt? Dilthey hat anscheinend mal gesagt, dass alle Wahrnehmung auf Widerstand beruht. Wenn das so ist, dann kann Gott die Welt noch nicht einmal wahrnehmen, weil sie seiner Allmacht keinen Widerstand entgegensetzen kann. Die Welt kann ihn weder interessieren noch reizen. “Gott ist tot, hat Nietzsche gesagt”, so endete meine Geschichte, “und ich weiß, woran er gestorben ist. An Langeweile.”

3. Weil es unmöglich ist, bei geistiger Gesundheit an Gott zu glauben.

Markus, ein Bekannter von mir – ein biologischer Systematiker und in der Wolle gefärbter Cladist, also einer, der die Sache mit den eigentümlichen Merkmalen von Tetrapoden aus dem Effeff und viel besser darlegen könnte, als ich es kann – ausgerechnet der also geriet kürzlich in ein Gespräch mit Kreationisten. Nach einigem Hin und Her fragte ihn sein Diskussionspartner in dem offensichtlichen Glauben, ein gutes, wenigstens intuitives Argument gefunden zu haben: “Können Sie sich vorstellen, dass so einer Maus Flügel wachsen?”

Nun, eine Sache ist es – und das wird Markus dem Kreationisten sicherlich erklärt haben -, dass eine Aussage der Evolutionstheorie eben gerade ist, dass Mäusen nicht und niemals Flügel wachsen werden. Aber was er übersehen hat, ist, dass sich der Kreationist mit seinem vermeintlichen Argument ein krachendes, unhaltbares Eigentor in die linke obere Ecke gepfeffert hat.

Denn: An Gott zu glauben, beinhaltet gerade, sich vorstellen zu können, dass der Maus im Käfig vor mir plötzlich Flügel wachsen. Wenn Gott existiert, und wenn er allmächtig ist, dann kann er das tun. Und also muss ich als Gläubiger es für möglich halten, dass es geschieht. Wenn ich das nicht tue, glaube ich in Wahrheit nicht an Gott.

Aber: Durchs Leben zu gehen in der ständigen Erwartung, dass plötzlich die Spülmaschine zu mir spricht und der Schaltknüppel sich in einen Flamingo verwandelt, ist nicht bei geistiger Gesundheit möglich. Der feste Glaube an Kausalität ist die Grundlage all unseres Handelns; für Kant und Schopenhauer war die Kausalität sogar ein Modus unserer Wahrnehmung. Wir können die Welt nicht anders als kausal wahrnehmen. Ständig das Eingreifen eines Wesens zu erwarten, das nicht an die Kausalität gebunden ist, ist unmöglich. Und mithin ist es unmöglich, an Gott zu glauben, selbst wenn er existieren sollte.

Zum Abschluss jedoch will ich meinen geneigten Lesern einige Gründe verraten, die zwingend dafür sprechen, sich Gottes Existenz wenigstens zu wünschen:

– Kinder zu haben, und Angst um sie

– Brahms’ Deutsches Requiem mitzusingen

– Bachs h-Moll-Messe, insbesondere das Kyrie

– der Dom zu Pisa, und die gotischen Kathedralen

– das Gefühl der Dankbarkeit, und man weiß nicht, gegenüber wem

– das blitzartige Gefühl, mit Allem Eins zu sein

– und natürlich: Die grenzenlose Borniertheit der missionarischen Atheisten, mit denen man nicht im selben Topf stecken möchte.

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