Der schwarze Kater

Der schwarze Kater liegt auf einem sonnenbeschienenen Stein. Mit scharfen, grünen Augen hat er die Welt betrachtet. Er ist über Dächer geschlichen und durch modrige Keller, er hat unbemerkt an Fenstern gesessen und geduldig vor Geschäftshäusern Wache gehalten. Er hat gejagt, er ist satt.

Der schwarze Kater träumt.

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Der Bergsee

 

Zum Baden zu flach.

Zum Trinken zu trüb.

Fürs Vieh reicht ein Bach.

Und zum Angeln – ein Sieb.

 

Beim Eislauf zerbricht’s.

Und hier Segeln? – Obszön.

Er taugt halt zu nichts.

Ist einfach nur schön.

Frauenbeine

Ein Sommergedicht

 

Frauenbeine sind was Schönes,

wenn sie nackt sind bis zum Po.

Ach, dann denk ich was Obszönes

und bin froh.

 

Frauenbeine sind so köstlich!

Oh, das gäbe ein Plaisir!

Eines west- das andre östlich:

Klar, von mir.

 

Frauenbeine sind erhebend,

denn sie führ’n zum Himmel nauf.

Der Gedanke ist belebend

für den Knauf.

 

Frauenbeine sind erquicklich,

ich betrachte sie so gern.

Frauenbeine machen glücklich,

auch von fern.

Menschenkenntnis

„Nur wer den Menschen liebt, wird ihn verstehen.

Wer ihn verachtet, ihn nicht einmal sehen.“

Christian Morgenstern

 

Manche Leute haben ein schlichterdings begnadetes Talent, mit anderen Leute umzugehen. Furchtlos und selbstsicher gehen sie auf Fremde zu, wickeln sie um den Finger, wissen genau das zu sagen, was ihr Gegenüber hören will, und erreichen zuverlässig, was sie wollen.

Seltsam ist nur: Wenn diese gesegneten Menschenlenker gegenüber Dritten ihre Einschätzung darüber abgeben, was andere Menschen antreibt, was in ihren Köpfen vorgeht – dann liegen sie oft völlig daneben und offenbaren ein Verständnis von der menschlichen Seele, das so elaboriert ist wie das Statistikverständnis eines Impfgegners.

Umgekehrt gibt es Menschen, die ihresgleichen lieber meiden. Sie sind etwas linkisch und fühlen sich unsicher, trauen sich nicht recht, Komplimente zu machen, und übersehen Möglichkeiten, andere zu ihrem Vorteil zu beeinflussen.

Aber wenn sie in Ruhe über ihre Begegnungen nachdenken dürfen, dann bemühen sie sich sorgsam, Andere zu verstehen. „Zu verstehen“ nicht allein kognitiv, sondern auch moralisch: Sie urteilen nicht schnell. Sie ahnen, wie vielfältige verborgene Wünsche und Verwundungen einen Menschen treiben können.

Natürlich glauben die Menschen in jeder der beiden Gruppen, Menschenkenntnis zu besitzen. Wir Menschen alle überschätzen laufend unsere Fähigkeiten, und ganz besonders unsere Fähigkeit, andere Menschen zu durchschauen. Das ist wohlbekannt.

Es erscheint jedoch naheliegend, den Menschenlenkern recht zu geben. Wer Andere dazu bringen kann, zu tun, was er will, beweist doch seine Menschenkenntnis praktisch, nicht wahr? So wie derjenige ein guter Autofahrer ist, der wohlbehalten und zügig sein Ziel erreicht, und nicht derjenige, der den Motor erklären kann.

Nun, wenn mein Gedächtnis es richtig zuschreibt, dann war es wiederum Morgenstern, der dazu sinngemäß Folgendes gesagt hat:

„Um einen Menschen zu verstehen, braucht es Jahre des Studiums, des Zuhörens, der Liebe und unendlicher Geduld. Um einen Menschen zu manipulieren, braucht es im einfachsten Fall einen Knüppel.“

Tatsächlich sind die beiden Fähigkeiten – Menschen zu verstehen, und sie zu manipulieren – nicht nur nicht gekoppelt. Sie scheinen einander sogar häufig auszuschließen.

Und das liegt daran, dass sie auf ganz entgegengesetzten Bezügen zu anderen Menschen – und eigentlich zur ganzen Welt – beruhen.

Der Menschenmanipulierer betrachtet sie alle in Bezug auf sich, auf seine Bedürfnisse. Instinktiv erfasst er, was ihm nützt und was ihm schadet. Danach urteilt er, danach handelt er. Im Zentrum seines Interesses steht er selbst.

Für den Menschenversteher hingegen geht es um den Anderen. In seiner Neugier, seinem Zuhören, seinem Verstehen-Wollen vergisst er sich selbst. So, wie man das in der Liebe tut. (Siehe das einleitende Morgensterncouplet.)

Der Menschenmanipulierer hat eine Anzahl Handlungsschemata parat, die ihn in jeder Situation wissen lassen, was er zu tun hat. Darum begibt er sich gern unter Menschen. Sie bieten ihm Gelegenheit, seine Sicherheit zu erproben.

Der Menschenversteher hingegen fühlt sich unter Menschen befangen, denn jeder individuelle Mensch ist ihm ein neues Rätsel.

Der Menschenmanipulierer in reinster Form ist Politiker. Der Menschenversteher in reinster Form ist Wissenschaftler. Kein Wunder, dass die beiden einander nicht verstehen.

 

Fruchtige Verführung (gescheitert)

Magst Du ein Träubchen,

mein Täubchen?

Ein Apriköschen,

mein Möschen?

Dann doch ein Pfläumchen,

mein Träumchen!

So nimm Dir ein Birnchen,

mein Hirnchen.

Probier nur ein Kirschlein,

mein Hirschlein.

Oder ein Äpfelchen,

mein Schnepfelchen!

Vielleicht ein Tomätchen,

du Grätchen?

Nein?

Wie? Du bist auf Diät?

Da sagst Du mir jetzt? So spät?

Wo bleibt da der Genuss?

– Ich bring Dich noch zum Bus.

Wir sind die Guten!

Wir sind die Guten! Wir verteidigen die Menschenrechte, wir haben sie erfunden, wir haben sie in Exklusivlizenz! Wir vertreten das Recht, den Rechtsstaat, das Völkerrecht, das Wahlrecht. Wir kämpfen für die Freiheit, die Meinungsfreiheit, die Entfaltungsfreiheit, die Freiheit an sich und von allem und jedem. Wir sind die Guten! Wir können ihn mühelos, den Ton moralischer Indignierung: Pfui, Putin hat ein Krankenhaus bombardiert! Pfui, Assad foltert Oppositionelle! Pfui, Trump hetzt gegen Einwanderer! Dem muss ein Ende gemacht werden! Stoppt Putin jetzt! Denn wir sind die Guten, und wir wissen, wer die Bösen sind. Und die Bösen sind böse. Wir müssen sie bekämpfen. Weil wir die Guten sind.

Und weil wir die Guten sind, dürfen wir tun, was wir wollen! Das ist unsere Freiheit! Wir dürfen völkerrechtswidrig in Syrien bomben. Denn für uns gilt das Völkerrecht gar nicht, braucht es nicht zu gelten, weil wir es ja vertreten; nur die Bösen können dagegen verstoßen. Uns ist es allenfalls dabei im Wege, Gutes zu tun. Die Regeln rechtsstaatlichen und zwischenstaatlichen Handelns brauchte Großbritannien im Falle Skripal darum nicht zu beachten. Sie hätten May und Johnson nur daran gehindert, das unhinterfragbar Böse zu bekämpfen. Für uns sind auch die Menschenrechte nicht geschrieben. Entschied der UN Menschenrechtsrat: Assange der Freiheit zu berauben, verstoße gegen die Menschenrechte? „Lächerlich“, sagte Cameron völlig zu recht. Nichts, was wir tun, verstößt gegen die Menschenrechte! Alles, was wir tun, ist gut!

Und weil wir die Guten sind, die absolut Guten, die Hüter des Guten, ist dieser Dispens gleichsam übertragbar. Die Türkei mag die Pressefreiheit und den Rechtsstaat abschaffen, sie mag in Kurdistan die Menschenrechte brechen und in Syrien das Völkerrecht: Das ist irrelevant! Es genügt, dass unser ehemaliger Innenminister verkündete: Man solle aufhören, die Türkei zu kritisieren.  Denn wir brauchen sie. Dann ist alles, was die Türkei tut, gut, denn sie darf es tun, weil wir sie brauchen. Das Handeln der Türkei ist in unserem Sinne, also ist es gut.

Und wenn ein Land zerrissen ist, ein Land wie die Ukraine, zerrissen zwischen West und Ost, zwischen NATO und Russland – dann ringen Gut und Böse um seine unteilbare Seele. Zerren wir daran, dann ist das gut, zerrt Putin daran, dann ist das böse. Jedes Land, das wir an uns ziehen wollen, gehört automatisch uns. Denn dass der Mensch zum Guten strebe, ist die Grundlage jeder Ethik! Wir sind der rechte Weg; nur der Teufel bringt verirrte Länder davon ab.

Darum irrte Kurt Kister von der Süddeutschen, als meinte, die Tätigkeit amerikanischer Söldner in der Ukraine könne nicht wahr sein, und die USA stünden „moralisch nackt“ da, wenn es doch wahr wäre. Wir sind moralisch unentkleidbar! Wenn Vietnam, Chile, Argentinien, Brasilien, Nicaragua, Irak, Somalia, Libyen, Syrien es nicht geschafft haben, uns zum moralischen Gerippe zu rupfen: Was kann uns anfechten? Wir haben dies alles getan und gutgeheißen, und also war es gut, denn wir sind gut!

Darum irrt, wer da meint, es gehe nicht um Gut und Böse, sondern nur um Macht. Wer behauptet, es sei nur ein großes Schachspiel, in welchem jedes Mittel genehm sei. Wer aufzeigt, wo das Öl fließt, das Gas strömt und die Profite sprießen. Der irrt. Denn selbstverständlich geht es um Gut und Böse, denn nur weil wir die Guten sind, dürfen wir tun und lassen, was wir wollen!

Sonst würden wir vielleicht am Ende noch verlieren.

Das wäre böse.

„Offene Gesellschaft?“ – Schön wär’s.

In einem Vortrag im Bielefelder Audimax, den ich vor vielen Jahren besuchte, warb die Theologin Dorothee Sölle für den hohen Wert der Gerechtigkeit, und äußerte sich nebenbei besorgt darüber, dass diese im heutigen Sprachgebrauch allzu oft nur als „Fairness“ auftaucht. Das schien ihr nicht dasselbe zu sein.

Ähnlich ist es heute, scheint mir, mit der Vielfalt. Pluralismus ist vermeintlich ein wichtiger Wert in unserer Kultur. Aber das Schlagwort dafür lautet nicht „Vielfalt“, sondern „Diversity“. Es gibt Kurse an Fachhochschulen zum Thema „Diversity“. Alle sind für Diversity. Auch hier beschleicht mich der Verdacht, dass mit „Diversity“ und „Vielfalt“ nicht dasselbe gemeint ist („Die Diversität der Grauen“). Und dass – ebenso wie bei der Gerechtigkeit – das laute Trommeln mit dem Schlagwort darüber hinwegtönen soll, dass die Wirklichkeit trübe aussieht.

Eine Vielfalt des Angebots ist zum Beispiel wichtig für die Marktwirtschaft. Für nichts verachten wir den real vegetierenden Sozialismus so sehr wie dafür, dass es dort nur zwei Automarken, nur eine Sorte Klopapier und eine Schokocreme (wenn überhaupt) gab. Auswahl, Konkurrenz, das ist eine Grundbedingung des freien Markts. Thomas Koudela schätzt in seinem höchst lesenswerten Buch „Entwicklungsprojekt Ökonomie“, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft kein Anbieter mehr als 5% Marktanteil haben sollte. Vermutlich würden ihm in wenigstens diesem einen Punkt die meisten Schulökonomen beipflichten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sobald Bayer und Monsanto fusioniert haben werden, werden nur vier Agrochemieriesen die Lebensmittelherstellung der Welt kontrollieren. Im Lebensmittelhandel haben die fünf größten Konzerne Marktanteile von je 10% bis 20%. Ähnlich sieht es bei den Mineralölunternehmen aus. Im Elektrofachhandel führt fast kein Weg an MediaMarkt-Saturn vorbei. Computer laufen mit nur drei verschiedenen Betriebssystemen (Windows, iOS, Linux/Unix), wobei Microsoft auf Privatrechnern einen Marktanteil von rund 80% bei Betriebssystemen und Bürosoftware haben dürfte. Die Postbank gehört seit ein paar Jahren zur Deutschen Bank. Zu VW gehört sowieso fast alles, was fährt.

 

Entwicklungen in verschiedenen Systemen einer Kultur entsprechen einander oft in auffallender Weise. Die Monopolisierung, oder wenigstens Oligopolisierung, die wir in der Wirtschaft beobachten, sehen wir ebenso in Politik und Medien. Was Volker Pispers dazu zu sagen hat, kann man nicht oft genug verlinken, und es ersetzt jeden weiteren Hinweis auf Zahlen.

Zu allen wichtigen Themen – Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Außenpolitik – herrscht bei allen im Bundestag vertretenen Parteien bis auf Teile der Linken (aber inklusive der AfD) völlige Einigkeit. Um noch einmal Pispers zu zitieren: „In der SED wurde mehr über Wirtschaft diskutiert.“ Und in den Medien ebenso. Wie der Medienwissenschaftler Uwe Krüger – popularisiert durch die „Anstalt“ – herausgearbeitet hat, werden alle großen deutschen Chefredaktionen von Männern geleitet, die in transatlantischen, neoliberalen Lobbyorganisationen vernetzt sind. Tatsachen, Überlegungen, Aspekte, die dem von ihnen propagierten Narrativ widersprechen, werden schlicht nicht zugelassen. Sie werden ignoriert oder, wenn das nicht mehr geht, als „fake news“ oder Verschwörungstheorien diskreditiert. Darüber, wie es Leuten ergeht, die sich öffentlich abweichend äußern, hat der Whistleblower Craig Murray gerade einen erschreckenden Text veröffentlicht.

 

Dass der „freie Westen“ gekennzeichnet sei von Pluralismus und Marktwirtschaft, das ist die große Lebenslüge unserer Gesellschaft. Diese Selbsttäuschung versorgt uns mit moralischer Überlegenheit und rechtfertigt alles, was wir tun. Unsere angebliche Toleranz ist das Distinktionsmerkmal gegenüber anderen (impliziert: niederen) Kulturen.

Es stimmt nur leider alles nicht.

Es gibt keinen freien Wettbewerb auf dem Gütermarkt.

Es gibt keinen freien Wettbewerb der Meinungen.

Wir leben nicht in einer Marktwirtschaft.

Und wir leben auch nicht in einer Demokratie.

„Esst mehr Verben“ oder: Die Wirklichkeit unwirklicher Wörter

Wörter haben Macht. Das ist gewiss. Seltsam ist, dass dieselben Wörter zwar Macht haben könne, aber unter Umständen keinen Inhalt. Wie ein Zauberspruch im Harry Potter-Universum, dessen Inhalt die magische Wirkung ist, die er hervorruft.

Aber eben weil Wörter wirken, glauben die Menschen, sie müssten auch bedeuten. Und das führt zu Denkfehlern und Missverständnissen.

Zum Beispiel, wenn ein Psychiater davon spricht, sein Patient „hätte“ eine Schizophrenie, eine Depression, ADHS. Dann glauben damit beide, eine real existierende, klar definierte Krankheit benannt zu haben, die man „haben“ kann wie ein Geschwür oder ein Virus. Doch wie es mein Kollege Stephan Schleim kürzlich vorgeführt hat, erlauben es die Kriterien des DSM-5, die Diagnose „Major Depressive Disorder“ für zwei Patienten zu stellen, die kein einziges Symptom gemeinsam haben. Solche eine Diagnose kann für den Betroffenen erleichternd sein, weil er endlich einen Grund und eine Entschuldigung dafür hat, dass er so ist, wie er ist. Sie ist aber auch eine Küchenschublade, in der sich allerhand Buntes ansammelt, und aus der etwa ein Kind „mit ADHS“ so leicht nicht wieder herauskommt.

Vor allem aber verdinglicht die Benennung das Verhalten. Sie lenkt den Blick fort davon, warum ein Mensch so fühlt und handelt, und was dabei in ihm vorgeht. Wenn ein Kind „ADHS hat“, dann bekämpft der Psychiater ADHS wie ein Kammerjäger die Wanzen bekämpft.

 

Esst mehr Verben!

Was tatsächlich vorgeht, verstünden wir viel besser, wenn wir lernten, Substantiven zu misstrauen. Besser sollten wir in Verben denken und sprechen (was, nebenbei, auch dem Stil zugute käme). Nicht „Tim hat ADHS“, sondern „Tim zappelt viel, kann sich schlecht konzentrieren und lässt sich leicht ablenken“. Sogleich wird dadurch das Denken auf ganz andere Bahnen gelenkt: nicht auf Zustände, sondern auf Tätigkeiten, auf Vorgänge. Und damit auch darauf, was man tun kann, damit es sich ändert.

Im Falle „einer Schizophrenie“ oder „einer Depression“ könnte solches Reden in Verben gar die ganze Krankheit als Konstrukt entlarven. „Patientin A ist reizbar, isst und schläft wenig, spürt sich gedrängt, sich ständig zu bewegen, und kann sich nie entscheiden“, „Patient B fühlt sich niedergeschlagen und freut sich an nichts, er fühlt sich ständig müde und schläft viel, hat zugenommen; er findet sich selbst wertlos, weil er nichts leisten kann, und hat darüber nachgedacht, sich umzubringen“ – wer käme auf die Idee, diese beiden Menschen „hätten“ dieselbe Krankheit (was nach DSM-5 durchaus möglich wäre)?

 

Dingsda und Dingsda

Noch ein ganz anderes Beispiel aus dem Feld der Politik: Ob wohl ein Politiker, der zum Milliardensten Mal die Götterbrüder „Freiheit“ und „Demokratie“ anruft, imstande wäre, substantivfrei zu erklären, was er damit meint? Was bliebe übrig von „Freiheit“, wenn man gezwungen wäre, sie als das zu beschreiben, was Menschen tun oder erleiden?

Und könnten unser Oberhorst oder das Dob-Rindt, die gerade darauf beharrt haben, „der Islam“ gehöre „nicht zu Deutschland“, das auch in Verben sagen? Käme nicht vielleicht heraus, dass die ganze Aussage, ebenso wie ihre Verneinung, inhaltslos ist? Ebenso wie, selbstverständlich, des Horsts weitere Ausführung, Deutschland sei durch das Christentum geprägt. (Bemerkung am Rande: Was er damit meint, hat er immerhin, wenngleich in Substantiven, entlarvt: „der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten“. Sancta Simplicitas. Jesus würde sich im Grabe umdrehen, wenn er in einem läge.)

 

Die Wirklichkeit unwirklicher Wörter

Es ist eine nützliche Denkübung, Substantive – jedenfalls abstrakte – durch Verben zu ersetzen. Michael Halfbrodt hat das getan, um soziale Prozesse damit zu beschreiben.

Aber Obacht! Einer Sprechweise, die auf Erkenntnis und Verständigung aus ist, mag es zuträglich sein, Wörter als hohl zu entlarven. Doch gibt es andere Ziele des Sprechens. Psychiater und Patienten, die von Geisteskrankheiten sprechen, Politiker, die hehre Ideale im Munde führen, täten dies ja nicht, wenn der Wind ihrer Sprache folgenlos verwehte. Sie tun es, weil sie damit etwas bewirken können.

Indem Menschen das Gefühl haben, mit einem Wort etwas zu meinen, erzeugen Worte eine Wirklichkeit, die in ihnen gar nicht steckt. „Freiheit und Demokratie“ im Munde eines Politikers bezeichnen nichts, oder nahezu nichts. Trotzdem wecken sie Emotionen, formen Meinungen, leiten Entscheidungen, machen Politik. „Depression“ mag es nicht geben – trotzdem lenkt die Diagnose die Behandlung durch den Arzt, und beeinflusst das Selbstverständnis des Patienten.

So entstehen die Denkfehler und Missverständnisse, von denen ich eingangs sprach: Wenn man eine Sprechweise, welche die Welt beschreiben und erklären will, verwechselt mit einer Sprechweise, welche sie beeinflussen und beherrschen will. Wer diesen Fehler macht, könnte überrascht feststellen, dass er der Macht des Zauberspruches hilflos ausgeliefert ist.