Der schwarze Kater

Der schwarze Kater liegt auf einem sonnenbeschienenen Stein. Mit scharfen, grünen Augen hat er die Welt betrachtet. Er ist über Dächer geschlichen und durch modrige Keller, er hat unbemerkt an Fenstern gesessen und geduldig vor Geschäftshäusern Wache gehalten. Er hat gejagt, er ist satt.

Der schwarze Kater träumt.

Pluralistische Medizin

Zwei Anekdoten zu Anfang:

Eine Bekannte litt seit Jahren an Allem. Schlappheit, Kopfschmerzen, generalisiertes Unwohlsein, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Das Leben war ein Leiden. Sie ging von Arzt zu Arzt; an Geld mangelte es auch nicht; aber niemand vermochte ihr zu helfen. Man bedenke: Sie ist mitnichten esoterisch oder alternativ angehaucht. Sie ist nüchtern und bodenständig. Sie hat von den Ärzten wirklich Heilung erhofft. Vergebens.

Und dann ging sie zum Osteopathen. Der tat, was Osteopathen tun: Energieströme ausmessen, Zähne überprüfen. Dieser oder jener Zahn musste raus, oder zumindest nicht-metallisch neu gefüllt werden. Die Bekannte folgte der Anweisung.

Und wurde gesund.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging daraufhin zum selben Osteopathen. Und er maß Energieströme und prüfte Zähne, und es wurde ein Zahn repariert.

Und es besserte sich nichts.

 

Eine Person meines Vertrauens hatte Atembeschwerden. Wieder mangelte es weder an Ärzten noch an Privatversicherung. Die medizinischen Maschinenparks wurden angefahren, die Lunge nach Strich und Faden vermessen. Wieder gab es respektvolles Vertrauen zu den Ärzten. Wieder gab es keine Diagnose.

So ging die Person zum Homöopathen. Er tat, was Homöopathen tun: Zuhören, eine gründliche Anamnese machen. Dann gab er ihr ein paar Zuckerkügelchen sofort, und ein paar andere für zu Hause.

Schon nach den ersten Kügelchen waren die Beschwerden weg.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging zum selben Homöopathen. Und er hörte zu und machte seine Anamnese. Und es besserte sich nichts.

 

Wer sich umhört, hört viele solche Geschichten. Solche von wunderbaren Heilungen, und solche von Enttäuschungen. Doch jene, die sich Skeptiker nennen, verweisen auf objektive, doppelt randomisierte Studien, und sagen: Nur die Enttäuschungen sind echt. Das andere sind Anekdoten. Zufallsereignisse. Nicht reproduzierbar. Statistische Verunreinigungen. Solange das, was bei Einzelnen funktioniert zu haben scheint, nicht bei allen funktioniert, ist es wertlos.

Aber muss denn Alles für Jeden funktionieren? Auch die wissenschaftliche Pharmakologie bemüht sich neuerdings um die „personalisierte Medizin“. Aber sie meint damit nur, dass anhand genetischer Marker die für jeden geeigneten Medikamente zusammengestellt werden. Personalisiert sind die Wirkstoffe, nicht die Herangehensweisen.

Vielleicht aber geht die Personalisierung der Heilung noch viel weiter. Vielleicht funktioniert Homöopathie für einige Menschen tatsächlich. Und für andere nicht. Dafür funktioniert für einige von den anderen Osteopathie, für einige weitere Ayurveda, und für noch andere die sogenannte Schulmedizin. Die aber auch nicht für jeden funktioniert.

Vielleicht sind die Wahrheiten der Körper, die Wege der Heilung ganz individuell. Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Naturgesetze der Medizin. Dann wäre es falsch, nach dem einen Ansatz für Alle zu suchen. Sondern Jeder müsste – und dürfte – für sich herausfinden, wie er geheilt werden kann. Medizin würde pluralistisch. Ein Reich, in dem jeder nach seiner Façon gesund werden kann.

Hochliteratur ohne Zukunft

Gerade habe ich „Revolutionen“ von Jean-Marie Gustave Le Clézio gelesen. Der Autor ist der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2008, und „Revolutionen“ laut Umschlagtext angeblich sein anspruchsvollster und umfassendster Roman.

Hier kann man meine Rezension des Buches lesen. Ich will sie hier nicht wiederholen (kurz: drei Sterne), denn es geht mir hier um etwas Allgemeineres.

Le Clézios dicker, ereignisarmer und bisweilen langatmiger Wälzer ist eine ausgeweitete Autobiographie, auch wenn sie in der dritten Person geschrieben ist und einige Namen und Details verändert. Ausführlich erzählt er sein eigenes Heranwachsen in Nizza und London, obgleich es darin keine wirklich besonderen Vorkommnisse gab: Hat Abi gemacht, hat Medizin studiert, hat sexuelle Beziehungen gehabt. Darüber hinaus erzählt er den Beginn seiner Familiengeschichte: Die entscheidenden Jahre im Leben jenes Vorfahren, der kurz nach der Französischen Revolution nach Mauritius auswanderte und dort das Familiengut begründete. Als Brücke dazwischen die Großtante des Helden, die ihm berichten kann, wie die Familie das Gut 1910 verlor und nach Frankreich zurückkehrte.

Es ist also rein dokumentarisches Schreiben. Es geht um das, was war. Le Clézio bekennt das offen und macht eine Tugend daraus: „Warum soll man Geschichten erfinden, Geschichten schreiben?“ fragt er gegen Ende des Buches. Er drückt damit, scheint mir, eine Haltung aus, die in der gegenwärtigen Literaturszene verbreitet und für Großschriftsteller typisch ist.

Man gehe einmal die Liste der Literaturnobelpreisträger der, sagen wir, letzten 20 Jahre durch. Viele muss ich nachschlagen, weil ich ihre Werke nicht kenne. Daher nur kursorisch: Grass – schreibt von der jüngeren Vergangenheit, die er erlebt hat. Naipaul – Reiseschriftsteller; seine Romane handeln von den Ländern, die er erlebt hat. Kertész – verarbeitet autobiographische Erfahrungen. Lessing – erzählt in ihren Hauptwerken von sich und ihren Eltern. Müller – kann von gar nichts anderem reden als von der Ceaușescu-Diktatur. Vargas Llosa – erzählt immer wieder autobiographisch. Modiano – hat die Erinnerung an die deutsche Besetzung Frankreichs zu seinem Thema gemacht. Alexijewitsch – schreibt politische Dokumentarprosa. Dylan – singt von unserer Zeit.

Es geht um Erinnerung. Es geht um „Aufarbeitung“. Es geht also um Vergangenheit.

Die von Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Jurys geschätzte Literatur handelt stets vom Gewesenen. Selten dagegen handelt sie vom Zukünftigen, vom Möglichen. Oder gar Unmöglichen. Der Blick geht immer nach hinten. Aber wenn Künstler so etwas wie Kundschafter möglicher Zukünfte sind – müsste ihr Blick dann nicht nach vorn gehen? Wer soll die die Ideen, die Hoffnungen, die Utopien in Worte fassen und lebendig machen, wenn nicht die Schriftsteller?

Dass die Literaturkritik die phantastische und Fantasy-Literatur so konsequent verachtet und missachtet, ist ein Symptom für das Misstrauen, das unsere Kultur gegenüber der Utopie hegt. Sie ist ein Symptom für das Gefühl der Alternativlosigkeit, das alles Geistesleben durchdrungen hat. Wenn das Bestehende alternativlos ist, dann hat es keinen Sinn zu fragen, was sein könnte. Dann ist die Zukunft kein Ort der Spekulation, sondern allenfalls der Resignation.

Zum Glück gibt es auch andere Literatur. Zum Glück gibt es Ursula K. LeGuin mit ihren anarchistischen Utopien. Terry Pratchett mit seinem nimmermüden Lob des Geschichtenerzählens. Stanislaw Lem mit seiner brillanten Erkundung des Denkbaren. Jorge Luis Borges mit seinen vielfältigen Einladungen zu Denken und Spekulation. Jasper Fforde mit der heiteren Zertrümmerung aller Konventionen.

Für weitere Empfehlungen bin ich dankbar.

Er hatte schon einmal recht . . .

„Trotz dem heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz dem Ruf der Millionen: „Nie wieder Krieg!“, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir: Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft bald zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift lesen können: Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen. Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen; man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Das schrieb Silvio Gesell im November 1918, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. „Keine 25 Jahre“ – das war verdammt gut geschätzt. Aber wenn man das Geldsystem versteht, sind Prognosen mehr als bloß Kaffeesatzleserei.

Ich muss dieser Tage immer wieder an dieses Zitat denken. Beschreibt es nicht auch die heutige Situation erschreckend genau? „Die Giftpflanze des Übernationalismus“ hat Ungarn, Polen und die Ukraine längst überwuchert, floriert in Frankreich und sprießt auch in Deutschland aus allen Ritzen.

Und die Tafeln an den Grenzpfählen: „Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land“. Auch sie werden allenthalben angenagelt. Ist es nicht eigentlich absurd, wie die (gelogene) Zahl von den angeblich 70% jungen Männern unter den aktuell nach Deutschland kommenden Flüchtlingen ständig als Bedrohung zitiert wird? Da verlieren arme Länder überall im Süden ihre gesündesten, kräftigsten, leistungsfähigsten Arbeitskräfte – denjenigen Wirtschaftsfaktor, auf dem letztlich aller Reichtum basiert -, da kommen diese Arbeitskräfte zu uns, freiwillig und auf eigene Kosten: Und wir machen die Grenzen zu.

Gewiss, innerhalb unseres dahinvegetierenden Systems ergibt das Sinn. Aber das illustriert doch nur, wie durch und durch absurd dieses System ist.

„Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Ich wünsche uns allen ein friedliches Jahr.

Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.

Alle: Ausbeuter

Auf unserem Grundstück stand eine gewaltige Scheune, deren Erdgeschoss mit den halbmeterdicken Mauern, den tonnenschweren Stahlträgern und Betondecken sich lange jedem Abriss widersetzte. Klar, die eine oder andere Firma wäre gerne mit schweren Baggern da reingefahren und hätte alles kurz und klein gehauen, aber erstens wollten wir einige Wände stehen lassen, und zweitens wären dafür fünfstelligen Summen fällig geworden. Das ging nicht.

Dann fand sich Herr B., ein tatkräftiger Ein-Mann-Unternehmer kurz nach der Gründung, und packte die Sache an. Was wir ihm zahlten, war erheblich weniger. Wo wir bei Folgeaufträgen das Verhältnis von Arbeitslohn zu Arbeitsleistung einschätzen konnten, fragten wir uns, was ihm nach Abzug der Spritkosten noch zum Leben übrig bleiben mochte, zumal er noch zwei Mann mitbrachte. Und Arbeitssicherheit . . . pffft. Keiner der Leute trug auch nur einen Helm. Aber innerhalb weniger Wochen waren die Scheune abgerissen und diverse sonstige Steinhaufen beräumt.

Dann, kurz vor dem letzten Handgriff, erlitt Herr B. einen Nervenzusammenbruch. Seine Lebensgefährtin hatte ihm mit Trennung gedroht; er arbeitete zu viel und brachte zu wenig nach Hause. Er schloss die Firma und brach den Kontakt zu uns ab.

Haben wir ihn ausgebeutet? Hat er sich ausgebeutet?

 

Ein Bekannter von uns, kurdischer Flüchtling aus Syrien, findet hier kaum Arbeit. Eine Zeit lang war er bei einer Leiharbeitsfirma. Da bei der Kündigung dort etwas schief ging, bekommt er seit zwei Monaten kein Geld mehr vom Amt. Gäbe es seinen Bruder in Hamburg nicht, seine Frau und er müssten hungern. Daher ist er froh und dankbar, gelegentlich bei Freunden handwerkliche Dienstleistungen in Haus und Garten übernehmen zu können, für einen absurd niedrigen Tageslohn. Er freut sich über das Geld, und braucht es, und mehr könnten sie ihm nicht zahlen.

Wird er ausgebeutet?

Diejenigen seiner Brüder, erzählt er, die in Syrien geblieben sind, sind jetzt arbeitslos, weil die Stadt von Flüchtlingen überlaufen wird, die in ihrer Not für einen Hungerlohn arbeiten. Seine Brüder sind wütend auf die Flüchtlinge, aber er mahnt sie zur Mäßigung: Er tue hier ja auch nichts anderes.

Beutet er aus? Werden die Flüchtlinge in Syrien ausgebeutet? Oder seine Brüder?

 

Von Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer, las ich kürzlich, dass er zumindest in der Anfangszeit keine Klimaanlagen in seinen Verteilzentren installierte, sondern die kollabierten Arbeiter lieber vom Rettungsdienst versorgen ließ – das war billiger. Dass er bis heute mit Angestellten auf allen Hierarchieebenen kaum besser verfährt, ist hinreichend bekannt.

Beutet er aus? Ist er schlimmer als wir?

Und der Apple-Zulieferer Foxconn gab zu, Kinder zu beschäftigen.

Ist er ein schlimmerer Ausbeuter als die Arbeitgeber syrischer Flüchtlinge?

 

Ist es hilfreich, Gute und Böse zu unterscheiden? Ausgebeutete und Ausbeuter? Oder ist das nicht eher: naiv? Oder auch: heuchlerisch und gefährlich? Weil es die unvermeidliche Mitschuld der Urteilenden leugnet? Weil es suggeriert, man müsse Menschen für ihre Schuld bestrafen?

Wo doch tatsächlich Jeder in diesem System zum Ausbeuter wird. Die Schwachen weniger als die Starken, gewiss. Aber Stärke ist keine Sünde und Schwachheit kein Verdienst. Der Kuchen wird immer kleiner, und alle wollen satt werden. Die Stühle beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel werden immer weniger, und alle, alle rennen und schubsen, um noch einen zu ergattern. Die Starken gewinnen (b.a.w.), und die Schwachen scheiden aus, aber Schuld trägt doch nur der, der die Stühle wegnimmt.

Wenn wir das Hungern und Rennen wirklich leid sind, dann müssen wir das Spiel ändern. Innerhalb dieses Scheißspiels, das wir „Kapitalismus“ nennen, sind wir alle: Ausbeuter.

Von der weglosen Wildnis zum ortlosen Raum

Orte oder Netze?

Vogelperspektive. Eine Landkarte. Städte. Wege. Was sehen wir? Wege, die sich in Städten kreuzen und verknüpfen? Oder Städte, die durch Wege verbunden werden?

Was wir sehen, hat sich über die Jahrhunderte abendländischer Geschichte hinweg drastisch verändert. Einst, im frühen und hohen Mittelalter, waren Städte der Ort, an dem das Leben stattfand. Städte hatten die sichere Burg, Städte boten den Schutz von Kirche und Gericht, Städte prägten und bezahlten Geld, Städte waren umgeben von der Mauer, die alles Böse, Wilde und Gefährliche draußen hielt. Denn draußen war die Wildnis. Da gab es Wölfe und Bären, so furchterregend für die Menschen, dass die Bilder dieser Angst uns bis heute vertraut sind. Und es gab Räuber und Raubritter, Wegelagerer, die jedes Verlassen der bergenden Stadt zum Wagnis machten. Schon, wer nur außerhalb der Stadtmauern zu wohnen hatte, wie Henker, Schlachter und Schmiede, wurde schräg angesehen, aber wer als Fahrender – sei es als Händler, als Zigeuner oder als Schausteller – in eine Stadt kam, stieß auf Misstrauen und wurde möglichst bald hinauskomplimentiert. Wohl dem, der Geleitbriefe oder Empfehlungen hatte. Denn von draußen konnte nur Übles kommen. Wege waren schlecht und schlammig und wenig mehr als ein notwendiges Übel, weil doch letztlich keine Stadt sich selbst genug sein kann. Aber das Eigentliche war die Stadt. Sie war das „Drinnen“, die Heimat, der Ursprung, der Schutz.

Erst mit dem aufkommenden Merkantilismus begann sich das zu ändern. Kaufleute wurden so selbstbewusst, wie sie wohlhabend wurden; und mit ihnen verlor das Reisen seinen schlechten Ruch. Das Land wurde gezähmt und beherrscht, die Wälder verschwanden, die Wege wurden sicherer. Die Städte wuchsen, zunächst noch in ihren Mauern, irgendwann aber auch darüber hinaus. Zwar warf der Dreißigjährige Krieg die Geschichte noch einmal zurück, machte das Land wieder wüst und die Städte zur (trügerischen) Zuflucht. Aber nur gut hundert Jahre später fing man an, die Stadtmauern zu schleifen. Einerseits boten sie kaum noch Schutz gegen die Künste der Sprengmeister, andererseits aber und vor allem konnten sie die Scharen der Landflüchtigen nicht mehr halten. Und schließlich brauchte man sie auch nicht mehr. Es gab keine Räuberhorden mehr, keine Raubritter, keine Fehden, keine Wölfe, keine Bären. Die Städte grenzten sich nicht mehr ab gegen das Land: Sie beherrschten es.

Zugleich wurden die Wege besser, denn sie wurden mehr benutzt. Händler, Handwerker und Studiosi zogen von Stadt zu Stadt. Der Ortswechsel wurde zum typischen Merkmal einer Biographie. Dynastien, die über Jahrhunderte in einem Ort ansässig gewesen waren – die Bachs in Wechmar, die Morgensterns in Rudolstadt, die Goethes in Frankfurt -, sie fingen an, sich auf Deutschland zu verteilen. Man sieht das sehr schön im Video zu einer in Science erschienenen Studie: Die Forscher versuchten, Kulturgeschichte quantifizierbar zu machen, indem sie zu allen lexikalisch erfassten Personen der letzten Tausend Jahre den Geburts- und den Sterbeort erfassten und verbanden. Man sieht, wie diese ab dem Jahr 1000 zunächst meist nah beieinander liegen, aber mit der Zeit nehmen die Abstände zu, der große Bogen wird zur Regel. Bis schließlich, ab dem 19. Jhd., eine wachsende Zahl von Lebensbögen aus der Karte hinaus führt, meist nach Nordamerika, oder in die Kolonien in aller Welt. Die Stadt als Burg und Heimat hatte ausgedient.

Lebensbögen

Aus: Schich et al. (2014) A Network framework of cultural history. Science 345: 558-562

Doch die Entwicklung ging noch weiter. Zwar wurden die Städte groß, wurden zur Metropole. Zugleich aber wurden sie ununterscheidbar. Ob sich der moderne Jetsetter, das Idealbild der Gegenwart, in Berlin befindet, in New York, in Dubai, in Hongkong, in Tokio oder in Curitiba – das wird er in den verwirrten Minuten nach dem Aufwachen so manches Mal nicht zu unterscheiden wissen. Überall dieselben Wolkenkratzer, die Glasfassaden, die Bankentürme, die Fastfood-Ketten und Weltkonzerne, die Mode- und Bekleidungslabels, das schlechte Englisch. Die Stadt hat ihre Grenzen verloren, sie ist kein Ort mehr, sie hat sich aufgelöst und ist ein Knotenpunkt von Verbindungslinien geworden.

Und weiter: Es ist kein Zufall, dass eines der frühen italienischen Internet-Projekte, lange vor dem Web 2.0, nach Calvino „Le città invisibili“ hieß, „Die unsichtbaren Städte“. (Und noch heute heißen reihenweise italienische Netzwerke so.) Die räumliche, wirkliche Stadt, die notwendig einen festen Ort besetzen und ausfüllen muss, wird im Erleben der Menschen ersetzt durch das Internet, das irgendwer einst zutreffend den „ortlosen Raum“ genannt hat. Ein Gebilde, das nur aus Verbindungen besteht. Darin Terrororganisationen ähnlich, oder den immer gleichen Autobahnen, an denen die Orte nur austauschbare weiße Namen auf blauem Grund sind. Und es ist kein Zufall, dass wir spätestens seit Luhmann auch uns selbst und unsere Gesellschaft so wahrnehmen, als ein Geflecht von Beziehungen, und Beziehungen zwischen diesen Beziehungen, zwischen denen der Mensch und sein Ort nicht mehr vorkommen.

Auf den frühen Landkarten, die man gelegentlich in Museen sieht, sind Küsten eingezeichnet, Ländernamen, und Städte. Vor allem Städte. Auf den meisten Karten, die wir heute benutzen, ist es umgekehrt: Die Orte sind nur noch blaßrosa Flecken auf grünem Grund, aber die Straßen heben sich weiß und gelb bis in die feinsten Verästelungen daraus hervor, sind im Autoatlas sogar überproportional dick, bedecken fast das ganze Land, das sie mit ihrem Netz überziehen. Wir leben nicht mehr an Orten, sondern in einem Netz, und dessen Knotenpunkten.

Man könnte eine Kulturgeschichte entlang dieser Entwicklung schreiben: abendländische Kultur als beschleunigte Bewegung. Und nicht nur das Abendland: Jede Kultur könnte man einordnen auf der Skala von Ort und Weg. Auch das Römische Reich, als es untergegangen war, hinterließ ein Netz von Fernstraßen; auch die Römer hatten die Wildnis durch Wege gebunden. Auch von den Inkas sind die Handelswege geblieben. Spengler sah in jeder Kultur eine schicksalhafte Entwicklung vom Dorf über die Kleinstadt und Stadt zur Metropole. Er hat Recht, aber man muss ihn ergänzen: Der Weg geht vom Pfad über die Straße zur Autobahn, zur Datenautobahn, und darin löst die Metropole sich auf.

Aufgeräumt!

Zufällig, weil ich ein paar Links raussuchen musste, habe ich vor ein paar Tagen bemerkt, dass eine elektronische Windhose durch den „Schwarzen Kater“ gewirbelt sein muss: Im Inhaltsverzeichnis (das ich Neubesuchern übrigens sehr ans Herz lege) stimmten reihenweise Links nicht: Einige verwiesen auf andere Beiträge, andere ins Leere – was wiederum daran lag, dass sich die Veröffentlichungsdaten verändert haben. „Der ewige Rassist“ zum Beispiel ist – das kann ich sicher nachvollziehen – am 12.11.2014 geschrieben und publiziert worden, und so stand es auch im Link. Aber jetzt datiert ihn WordPress auf den 3.12. desselben Jahres. Nun, zum Glück kommt es nicht darauf an.

Was das für ein Bit-Tornado war, werde ich wohl nie erfahren. Ich habe mir einfach Inhaltsverzeichnis und Beitragsliste vorgeknöpft und alle Verweise wieder in Ordnung gebracht. Denn da dieser Blog weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Essaysammlung ist, lohnt es sich meiner bescheidenen Meinung nach, auch mal in alten Texten zu stöbern.

Und in den nächsten Tagen gibt es auch mal was Neues.