Der schwarze Kater

Der schwarze Kater liegt auf einem sonnenbeschienenen Stein. Mit scharfen, grünen Augen hat er die Welt betrachtet. Er ist über Dächer geschlichen und durch modrige Keller, er hat unbemerkt an Fenstern gesessen und geduldig vor Geschäftshäusern Wache gehalten. Er hat gejagt, er ist satt.

Der schwarze Kater träumt.

Eppur si ripete

In der Welt der klassichen Mayas gab es zwei Supermächte: Tikal und Calakmul. Die beiden Stadtstaaten waren Rivalen, nicht nur ökonomisch und militärisch, sondern möglicherweise auch ideologisch: Calakmul, das von Auswanderern aus El Mirador gegründet worden war, legte anscheinend einigen Wert auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, während Tikal starke männliche Herrscher favorisierte.

Im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung baute sich zunehmend der Konflikt der beiden Mächte auf. Calakmul unterwarf eine Reihe von Städten im Tiefland des Petèn und umzingelte damit Tikal. Schließlich im Jahr 562 wurde sogar Tikal selbst besiegt und sein König rituell geopfert. Es folgten Jahrzehnte ohne offene Feindseligkeiten, die als „Kalter Krieg“ bezeichnet werden. In Tikal verblieb ein schwacher Vizekönig, den ich mir als versoffenes Dickerchen mit Liebe zur Sauna vorstelle.

Über ein Jahrhundert lang unterwarf Calakmul weitere Stadtstaaten, zum Beispiel um 600 herum Palenque. Das Ziel dabei war, wichtige Handelsrouten zu kontrollieren. Mit seinen Vasallen kontrollierte Calakmul einen großen Teil des Tieflands.

Doch in aller Stille hatte Tikal sich erholt. Und im Jahr 695 wendete sich plötzlich das Schicksal. In einer verheerenden Schlacht unterlag Calakmul seinem Rivalen. Reihenweise Vasallen wandten sich ab und änderten ihre Loyalität. Zwar gelang es Calakmul in den folgenden Jahrzehnten noch gelegentlich, kleine Erfolge gegen Tikal zu erringen, aber Stück um Stück verlor es seine Vasallen und versank in der Bedeutungslosigkeit. Tikal, lange unterjocht und umzingelt, war die neue Großmacht.

Wenig später ging die klassische Welt der Mayas unter.

Frieden braucht Verständigung

Es ist wie verhext: Am Donnerstag, wenn ich noch in Hessen bin, gibt es Ostermärsche in Thüringen. Am Sonntag, wenn ich in Thüringen bin, gibt es sie in Hessen. Es wäre dieses Jahr wichtiger gewesen denn je, dort dabeizusein. So sei denn dieser Post mein virtueller Ersatz. Das Bild kann nach Belieben kopiert und weiterverwendet werden.

Mein Pazifismus

Ist ein Pazifist gegen den Krieg?

„Ja, selbstverständlich“, möchte man sagen, oder allenfalls: „Ja, selbstverständlich, aber das reicht nicht.“

Weshalb reicht es nicht? Weil Dagegensein unproduktiv ist. Wie jede Negation erzeugt es keinen Standpunkt, denn wer Eines verneint, lässt Alles andere möglich.

Die Folge ist: Beliebigkeit, Widersprüche, Doppelmoral. Eine riesige Mehrheit von 85% der Deutschen befürwortet diplomatischen Druck und Sanktionen gegen Russland wegen des Ukrainekriegs, ist also vermutlich gegen diesen Krieg. Haben wir also 85% Pazifisten bei uns? Warum gibt es dann die Bundeswehr noch? Aber nein, 70% der Befragten sind für Waffenlieferungen an die Ukraine. Das entspricht ungefähr der Mehrheit von 62%, die den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Serbien unterstützte, der heute vor 23 Jahren begann. Auch die beiden großen Kirchen stellten sich damals hinter das Verbrechen. Heute verurteilen sie Russland und erlauben Waffenlieferungen. Dieselben Regierungsparteien, die damals mit Lügen den Krieg gegen Serbien beschlossen, verhängen heute voller Entrüstung Sanktionen gegen Russland. Aber aus Heuchelei und Selbstgerechtigkeit wird kein Frieden.

Und schlimmer noch: Dagegensein ist ein Akt der Konfrontation. Vorwürfe und Verurteilungen sind Akte der Aggression. Wer gegen den Krieg ist, kämpft mit der Logik des Krieges gegen den Krieg. Er kann nur verlieren.

Und daher weigere ich mich fortan, den russischen Krieg gegen die Ukraine zu verurteilen. Ich will nicht verurteilen, sondern verstehen. Denn Frieden braucht Verständigung. Nicht ohne Grund heißt es „Pazifismus“, nicht „Anti-Bellizismus“. Die Aufgabe lautet immer, für den Frieden einzutreten – während des Krieges, aber auch schon davor. Frieden ist kein Normalzustand, kein Selbstläufer. Er muss ständig neu gefestigt und gegründet werden. Beschämt müssen wir feststellen, dass wir – wir alle – darin in den letzten Jahrzehnten versagt haben. Diese Scham sollte unsere Lust am Verurteilen unterbinden, und uns stattdessen zur Verständigung motivieren.

Ich frische gerade mein Russisch auf.

Gereizt von Gut und Böse

Gestern hat Russland die Ukraine angegriffen. Das ist ein völkerrechtswidriger Angriff, den ich für falsch halte. So gut, so schlecht, so einfach.

Wie vermeide ich es, mich mit jenen gemein zu machen, die Russland immer schon als aggressive Diktatur gesehen – und die Welt damit in meinen Augen auf den Kopf gestellt haben? Macht Putins Unrecht alles vorangegangene Unrecht der NATO-Staaten zu Recht?

Wer darf überhaupt urteilen? Dürfen all jene Politiker und Journalisten, die den US-amerikanischen Überfall auf Serbien und auf den Irak, das zwanzigjährige Blutbad in Afghanistan, die Zerstörung Libyens und Besetzung Syriens, die zehntausendfachen Drohnenmorde und die Foltergefängnisse verteidigt und schöngeschrieben haben, jetzt mit dem Finger auf Putin zeigen? Darf ich es, als Bürger eines US-„Verbündeten“? Kann es ein gültiges, geschweige denn objektives Urteil geben, wenn man Partei ist? Muss man das nicht der Nachwelt überlassen?

Wie kann ich Verständnis entwickeln für den Angriff, den ich bislang nicht verstehe (und ziemlich viele andere kritische Intellektuelle ebensowenig), ohne ihn damit zu rechtfertigen? Kann man überhaupt Verstehen und Rechtfertigen trennen? Aber man muss es doch, oder?

Liegt ein Ausweg vielleicht in der Binse, dass wir immer nur Taten verurteilen können, nicht aber Menschen? Das ist gewiss ein Anfang, aber löst es die obigen Probleme?

Aber: Warum muss ich überhaupt urteilen? Wozu dienen moralische Urteile, außer dazu, a) den Zusammenhalt einer Gesellschaft zu festigen, b) Abweichler auszugrenzen und c) sich selbst zu erhöhen? Ist das nicht der Grund, weshalb Urteile früher öffentlich vollstreckt wurden, damit alle sehen: Der hat sich so verhalten, wie wir das nicht tun, der wird dafür entfernt, und Gott ist mit uns? Gibt es „Gutes“ ohne Aggression?

Entspringt das Urteil also dem Bedürfnis, dazuzugehören zu „den Guten“? Dient es der Gesellschaft mehr als dem Individuum? Ist es dann nicht vielleicht überflüssig – wenigstens manchmal? – , zu urteilen, zu ver-urteilen?

Angsthasen und Trotzköpfe

Den letzten Blogbeitrag habe ich absichtlich allgemein und abstrakt formuliert. Und doch kann er in diesen Tagen nicht ganz verhehlen, woher er seine Inspiration hat. Selbstverständlich dachte ich dabei auch an die unterschiedlichen Einstellungen, die verschiedene Leute zur Coronapandemie haben.

Auch hier geht es nicht um Fakten. Jede der beiden (oder noch mehr) Seiten behauptet das zwar ständig, und schon das sollte stutzig machen und erkennen lassen, dass es nicht die Fakten sind, welche die Meinungen bestimmen. Nein, auch hier geht es um Einstellungen.

Die vielbeklagte Spaltung der Gesellschaft verläuft nicht zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftsleugnern. Sie verläuft auch nicht zwischen intelligent und dumm, nicht zwischen links und rechts, und schon gar nicht zwischen gut und böse. Nein. Diejenigen Leute, die alle Maßnahmen und Beschlüsse der Obrigkeit für vernünftig und zwingend halten, tun das nicht, weil sie klüger, wissenschaftlicher, linker oder besser wären, sondern deswegen, weil sie Angst haben: Vor Krankheit und Tod, vor dem Außenseitertum, dem Ausscheren, der Unsicherheit, die mit dem Zweifel kommt.

Und diejenigen, die sich gegen diese Maßnahmen und Beschlüsse wehren, tun das auch nicht, weil sie klüger, wissenschaftlicher, linker, besser, und auch nicht, weil sie dümmer, wissenschaftsfeindlicher, rechter, übler wären als die anderen. Sondern deswegen, weil sie dem Staat misstrauen und mit Trotz begegnen: Trotz gegen eine Obrigkeit, die sie jahrzehntelang vernachlässigt, verachtet, schikaniert hat, Trotz gegen eine Regierung, von der sie sich weder verstanden noch repräsentiert fühlen.

Es stehen hier also nicht die Guten gegen die Bösen (etc.), sondern die Angsthasen gegen die Trotzköpfe. Und das erklärt auch die allgemeine Gereiztheit auf allen Seiten. Denn natürlich ist es enervierend, sich von einem hysterisch herumtrippelnden Hühnerhaufen umgeben zu sehen. Und ebenso natürlich ist es nervtötend, mit einer Bande bockig brüllender Blagen zu tun zu haben.

Ich weiß da keinen Ausweg, außer, sich zu erinnern, dass wir alle – ob wir nun eher Angsthasen oder eher Trotzköpfe sind – bisweilen uns fürchten und bisweilen bockig sind. Ferner, sich unbewusste Projektionen bewusst zu machen. Nein, die Trotzköpfe haben nicht „Angst vor einem kleinen Pieks“, wie die Angsthasen glauben möchten (und daher sehr vorsichtig sein sollten mit Diagnosen wie „Angst erzeugt Hass“). Und nein, die Angsthasen wollen nicht unbedingt ihren Kopf durchsetzen – das ist Trotzkopfdenken.

Übrigens gibt es natürlich auch Ausnahmen. Ich kenne einen furchtbaren Feigling, der im vollen Ernst Angst vor Bill Gates‘ Mikrochips im Impfstoff hat. Als er dann Erkältungssymptome bekam, hatte er riesige Angst, an CoViD-19 zu sterben. Da wusste er gar nicht, für welche Angst er sich entscheiden sollte. Das war lustig.

Warum? – nicht Was?

Woher nehmen die Leute ihr Weltbild? Weshalb denken sie, wie sie denken? Allzu leicht ist man zur Antwort verführt: Tun sie ja gar nicht. Sie lassen sich ihr Weltbild nur vom Spiegel oder der Zeit oder KenFM in die Schädelhöhle pflanzen und sind’s zufrieden.

Sind sie alle dumm? Gut möglich; es sind nur Menschen. Dann aber ist damit nichts erklärt.

Der Irrtum liegt darin, ein Weltbild als eine Sammlung von Aussagen, von Inhalten zu sehen. Das liegt nahe, denn wenn wir beschreiben, was jemand denkt, dann tun wir dies mit Sätzen wie: „Sie glaubt, dass . . .“, „Er meint, dass . . .“, und dann folgen Aussagesätze. Wichtig scheint zu sein, was jemand denkt. Weltbilder stellen sich dar als Mosaik, bestehend aus Fakten, bzw. Glaubenssätzen.

Wichtig aber ist nicht was, sondern wie, und warum. Es ist nicht der Denkinhalt, der den Menschen kennzeichnet, sondern die Denkweise. Ob jemand nach Sicherheit strebt, oder nach Erkenntnis; ob er die Gewohnheit des Zweifels hat; ob jemand Details relevanter findet, oder das große Ganze; aber auch, wessen Anerkennung jemand erstrebt, wen er gerne provoziert, und ob überhaupt; wem er loyal bleiben möchte, und mit wem auf keinen Fall übereinstimmen; in welcher Denkweise er geprägt wurde, bewusst oder unbewusst: All das bestimmt, was wir denken, indem es festlegt, wie wir denken.

Dabei bleiben die Inhalte in gewissem Maße zufällig. Fakten bestimmen nicht und niemals, was wir für wahr halten.

Es geht mithin auch fehl, Andersdenkenden zu unterstellen, sie dächten gar nicht. Niemand ist ein willenloses Informationsgefäß. Jeder formt sich auswählend, wichtend und verdrängend sein Weltbild. Wenn wir verstehen, wie und warum, dann verstehen wir vielleicht einander besser.

Trau, schau wem

Mittlerweile versucht man, die Schulkinder „Medienkompetenz“ zu lehren. Dazu gehören selbstverständlich die Warnungen vor „Fake News“ (deutsch: Falschmeldungen, Enten) und die Unterscheidung von vermeintlich sicheren und unsicheren Quellen. Unsichere sind, das versteht sich, Youtube, Facebook, und überhaupt das böse Internet. Sichere Quellen hingegen sind diejenigen, von denen sichere Quellen sagen, dass sie sichere Quellen sind. Letzteres bewegt sich erkennbar auf dem Reflexionsniveau der Zeugen Jehovas („Die Bibel ist das Wort Gottes, weil drin steht, dass sie das Wort Gottes ist.“), vereinfacht aber die Informationsaufnahme enorm. Die Folgen sind beispielsweise das Verweispingpong zwischen Wikipedia und den „Qualitätsmedien“, oder der Medienkundeunterricht meiner Tochter mit einem Pressespektrum, das sich (plakativ an der Wand sortiert) von „ganz links“ – der taz –  bis „ganz rechts“ – der Welt – erstreckte. Falls sich links das Fenster anschloss, passte das sogar, aber das nur nebenbei.

Wenn diese oberflächlichen Beobachtungen tatsächlich den Stand der Quellenkritik in unserer Gesellschaft treffend kennzeichnen, dann ist die folgende kleine Handreichung vielleicht nicht ganz nutzlos:

  • Es gibt keine sicheren Quellen. Es gibt nur sichere Informationen.
  • Das heißt: Nein, es gibt auch keine sichere Information. Aber sicherere und weniger sichere.
  • Sofern wir nicht selbst dabeigewesen sind, erhalten wir alle unsere Informationen aus einer vermittelnden (lateinisch: medialen) Quelle. Das sollten wir nie vergessen. Unser gesamtes Weltbild, soweit es unsere unmittelbare (!) Umwelt überschreitet, ist medial vermittelt. (Und, ja: „medial vermittelt“ ist ein Pleonasmus. Darum geht es ja gerade.)
  • Diejenigen, die uns Informationen vermitteln, haben ihrerseits Weltbilder und Interessen. Dementsprechend wählen sie Informationen aus und gewichten sie. Das muss nicht unbedingt einer bösen Absicht geschuldet sein; Menschen sind einfach so. Aber als Rezipient muss man es immer im Auge behalten.
  • Glaubwürdige Vermittler legen ihre Tendenz offen. Sie weisen ihren Leser auf die Brille hin, durch welche sie die Welt sehen und sortieren.
  • Glaubwürdig und weitgehend sicher ist eine Information daher dann und nur dann, wenn sie der Tendenz des Vermittlers widerspricht. Beispiel: Wenn die ZEIT oder der Spiegel (oder Süddeutsche, NZZ, taz, FAZ, . . .) etwas Kompromittierendes über die russische Regierung schreiben, ist das bedeutungslos. Wenn RT Deutsch dasselbe schreibt, ist es wahrscheinlich wahr. Das Umgekehrte gilt für etwas Lobendes.
  • In Ermangelung von Informationen, die auf diese Weise gesichert werden können, kann es helfen, zu einer Sache Vermittler mit entgegengesetzten Haltungen zu lesen. Man macht so freilich den eigenen Kopf zum Titrierkolben für Propaganda und Antipropaganda, was anstrengend und unerquicklich ist und mehr zu Unsicherheit als zu einem sicheren Ergebnis führen kann. Es bewahrt aber u.U. vor Schnellschüssen.
  • Im Idealfall legt ein Vermittler seine Quellen offen. Im Internet heißt das: Er verlinkt sie! Dafür ist HTML da! Wer das nicht tut, setzt sich dem Verdacht aus, dass für ihn entweder das Internet noch immer Neuland ist, oder er seinem Leser die Möglichkeit vorenthalten will, die Stichhaltigkeit seiner Meinungsbildung und Quellenbewertung nachzuvollziehen.
  • Apropos Meinung: Wer glaubwürdig Informationen vermitteln will, trennt klar zwischen Nachricht und Meinung – auch im Sprachgebrauch: Er meidet Wörter wie Regime, Diktator, Machthaber einerseits, und Aktivist, Terrorist, Freiheitskämpfer andererseits.
  • Er lässt außerdem stets auch die Gegenseite zu Wort kommen („Et audiatur altera pars!“) und lässt sie gelten! Er nimmt auch widerstreitende Tatsachen und Interessen zur Kenntnis und verheimlicht oder diskreditiert sie nicht.
  • Doch bei alledem vergessen wir nie, dass Wahrheit oder Sicherheit unerreichbar sind und wir uns jedes seine Welt nur konstruieren. Bei Beethoven höre ich es gerade: „Wir tragen empfängliche Herzen im Busen, und geben uns willig der Täuschung hin.“

Die Befreiung aus dem Paradies

Am Anfang der Geschichte war Alles, wie es geschaffen worden war. Lauschige Haine und mächtige Einzelbäume strukturierten einen weitläufigen Park. Dazwischen erstreckten sich grüne, blühende Wiesen. Bäche plätscherten in anmutigen Mäandern über kleine Staustufen, oder glitten leise, wie flüssige Schlangen, zwischen den schlammigen Ufern eines Auwaldes dahin. Ferne Berge gab es, unerreichbar zwar und ehrfurchtgebietend, aber ungemein dekorativ am Horizont.

Alle Arten von Tieren bevölkerten diesen herrlichen Park. Die Pferde, die Zebras, die Gnus, die Bisons, die Schafe, sie weideten stets zwei und zwei beisammen auf den üppigen Weiden; die Eichhörnchen und die Flughunde kobolzten in den Bäumen; die Adler, die Harpyen, die Kondore beherrschten den Himmel; die Forellen standen im Bach; und die Löwen, die Hyänen, die Wölfe, sie durchstreiften das Gelände und lagerten des Abends faul im Grase. Auch ich war da, und kann davon erzählen, denn da ich meinen Schwanz ins Maul nehmen kann, da sich mein Ende in meinen Anfang schließt, daher bleibe ich unendlich, und kann Zeugnis ablegen.

Allen ging es gut. Der Herr hielt sie satt, so dass niemand hungrig ging, und den Löwen keine Gelüste nach Gnufleisch ankamen, und das Lamm neben dem Wolf lagern konnte.

Zufrieden waren auch der Mann und die Frau. Bisweilen sah ich sie durch den Garten schlendern, stets ohne Eile, denn es drängte sie nichts, stets ziellos, denn es fehlte ihnen nichts. Einmal nur sah ich sie tätig. Da schritten sie durch den Park, begrüßten jedes Tier, besuchten jede Pflanze, und gaben ihnen Namen. „Regenbrachvogel“, sagten sie, und „Sternmiere“, und „Dickhornschaf“, und „Baobab“. Sie hatten lange damit zu tun, und den Tieren und Pflanzen war es, meinem Eindruck nach zumindest, vollkommen einerlei. Einen unschätzbaren Gewinn hingegen hatten der Mann und die Frau: Sie gewannen die Sprache. Und ich, der ich ihnen gelauscht hatte, im Grase verborgen, besaß sie nun auch.

So waren die Tage einförmig wie das Leben. Wohlwollend zog die Sonne ihre Bahn von den schneebedeckten Bergen zum fernen Meer; mild ergoss sich der Regen am Nachmittag und brachte Erfrischung; ein Tag glich dem anderen mit freundlicher Wärme und Sorglosigkeit. Der Garten war ein Ort vollkommener und mithin unabänderlicher Harmonie. Mochten die Tiere auch allen ihren Trieben nachgeben, die man darum „animalisch“ nennt – sie blieben zwei Löwen, zwei Schafe, zwei Elefanten, zwei Eichhörnchen. Und die Baumgruppen verteilten sich in perfektem Gleichmaß, so wie es die Sichtachsen und der Rhythmus des Raumes verlangten.

Nicht anders der Mann und die Frau. Manchmal, wenn sie über moosige Matten schlenderten, fiel die Frau auf Knie und Hände und reckte ihren Hintern. Dann vereinten sie sich stöhnend und genossen einander. Doch die Tage vergingen, und der Mond nahm zu und ab, ohne dass ihr Bauch das nachgeahmt hätte.

Es kam der Tag – der Tag, der war wie alle Tage -, da ertrug ich es nicht länger. Ich kann nicht sagen, was mich anstachelte. Wer kann sagen, warum er denkt, wie er denkt? Wie wir die Dinge auffassen, ist ein Teil unserer selbst. Ich kann es nicht ändern, wie ich bin.

Ich kroch herbei, als sie am Morgen auf einem Felsen lagerten – einem Felsen, der sich malerisch und ganz frei von scharfen Kanten aus dem Gras erhob und einen vollkommenen Aussichtpunkt darstellte für ein vollkommenes Panorama mit einem seerosenbekränzten Teichlein, einem entzückenden Wasserfall, einem dunkelfeuchten Wald und den stets bereitstehenden Bergen.

„Mann!“ sprach ich. „sind die Berge nicht wunderschön?“

„Das sind sie“, stimmte er zu.

„Ob du sie wohl besteigen könntest?“ fragte ich.

„Wahrscheinlich könnte ich das“, erwiderte er nach einigem Überlegen. „Aber warum sollte ich das tun?“

Weil sie da sind, lag es mir auf der Zunge, aber er hätte mich nicht verstanden. Stattdessen frage ich geduldig weiter: „Gelüstet es dich nicht, deine Kraft an ihnen zu erproben, ihre Höhen zu erkunden, das Eis auf ihren Gipfeln zu schmecken?“

Wieder dachte er eine Weile nach, ehe er antwortete: „Nein. Ich kenne meine Kraft.“

„Und die Höhen – machen dir Angst?“ reizte ich ihn.

„Aber nein“, gab er zurück. „Der Herr ist mein Hirte.“

Wie wahr, dachte ich bei mir, und kroch davon. Ich erkannte, dass ich geschickter vorgehen musste.

Einige Tage später traf ich sie an einer Stelle, wo zwei Bäche zusammenflossen und eine lauschige Sandbank bildeten.

„Seid gegrüßt“, begann ich. „wie nennt ihr diese grauen Vögel dort drüben?“

„Reiher“, sagten sie.

„Und den Vogel, der dort im Gebüsch singt und klagt?“

„Nachtigall.“

„So habt ihr tatsächlich für alles einen Namen?“

„Ja, wir haben allem seinen Namen gegeben, wie es uns der Herr befohlen hat“, erwiderte die Frau.

„Und wie nennt ihr euch?“ fragte ich weiter.

„Ich bin Mann“, sagte der Mann. „Und sie ist Frau.“

„Und das ist alles?“ hakte ich weiter. „Mann und Frau, so wie Bulle und Kuh? Seid ihr denn Tiere?“

Sie schauten mich an. Sie verstanden meine Frage nicht. „Wir sind Geschöpfe des Herrn“, sagten sie schließlich.

„Stellt euch vor, es gäbe mehrere von euch. Mehrere Männer, mehrere Frauen. Wie würdet ihr euch unterscheiden?“

Wieder staunten sie mich lange an. „Es gibt nur uns“, gaben sie schließlich zurück. Fürwahr, sie waren nicht die schärfsten Chilis am Strauch.

„Und wie nennt ihr diesen Ort, an dem wir uns befinden?“ fragte ich ein wenig ärgerlich.

„Den Garten“, erwiderten sie prompt.

„Und wie nennt man einen Garten, in dem ein Herr Tiere hält zu seinem Vergnügen?“ setzte ich nach, wartete aber nicht auf Antwort. Ich glitt davon und sann auf neue Wege. Wahrlich, weit wirksamer als ein Käfig aus stählernen Stäben ist einer aus Gittern im Geiste.

Können wir das Unbekannte begehren? Kann uns etwas fehlen, das wir nie erfahren haben? Wie weckt man die Lust auf etwas, das Einer noch gar nicht kennt? Wie erzeugt man Missbehagen im vollkommenen Wohlbefinden, Sehnen in der Bedürfnislosigkeit, Unglück im Glück?

Und: Ist es recht, das zu tun? Ist es richtig, dem Zufriedenen zu zeigen, dass er sich täuscht? Darf man dem Gefangenen die Gitter zeigen, die er bislang nie wahrgenommen hat? – Nun, da fragt nicht mich. Ich bin Fleischfresser und habe von dem bewussten Baum nie gekostet.

Ja, der bewusste Baum. Je länger ich vergeblich versuchte, den Mann und die Frau aus ihrer geistigen Genügsamkeit aufzurütteln, desto deutlicher wurde mir, dass es mir mit Worten allein nicht gelingen würde. Der Herr hatte ihnen die Sprache gegeben, weil er gewusst hatte, dass diese allein nur tönend Erz und klingende Schelle ist, wie er später verkünden lassen würde. Die Rede der Frau und des Mannes plätscherte wie Wasser auf ein Mühlrad, das nichts dreht. Ich musste ihm etwas zu drehen geben. Dieses aber konnte die Sprache aus sich selbst nicht erzeugen.

Ich wartete, bis sie sich in jenem Teil des Parks aufhielten, in welchem der bewusste Baum stand. Und ich wartete, bis sie sich gepaart hatten, denn dann sank der Mann gerne in einen leichten Schlummer. Mir war klar geworden, dass ich mich an die Frau halten musste. Die Frau ist stets bereit, die Regeln des Mannes infrage zu stellen. Und der Mann wird immer alles für die Frau tun.

Er schlief also, und nachdem sie das Vergnügen noch eine Weile ausgekostet hatte, stand sie auf und schlenderte zwischen den Bäumen. Viele von ihnen trugen Früchte – sie trugen immer Früchte. Guaven gab es und Papaus, Avocados, Birnen, Mangostin und Aprikosen. Ich wusste, dass sie selten davon aßen, da der Herr ihnen – wie allen Tieren – den Hunger verwehrt hatte.

„Stimmt es, dass ihr von den Früchten der Bäume nicht essen dürft?“ fragte ich.

„Oh doch“, erwiderte die Frau, „wir dürfen von allen essen. Außer von den Früchten des Baumes dort mitten im Garten. Die sind uns verboten, da wir sonst sterben.“

„Sterben?“ tat ich erstaunt. „Sind die Früchte denn giftig?“

„Giftig? Nein, ich glaube nicht“, sagte die Frau. „Nein, wir kennen die giftigen Früchte. Der Herr behütet uns vor ihnen. Er ist unser . . .“

„Jaja“, unterbrach ich. „Also wenn sie ungiftig sind, und vielleicht sogar köstlich – weshalb solltet ihr sterben?“

„Ich weiß es nicht“, gab die Frau zu. „Der Herr hat es verboten.“

„Verboten? Was bedeutet das?“

Die Frau dachte nach. All die Entspannung, die ihr die Paarung verschafft hatte, verdampfte und ließ Anspannung zurück. Die Frau rätselte, und schließlich schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Ich weiß nicht, was ‚verboten‘ bedeutet, aber ich weiß, dass es mir Angst macht.“

„Meinst du nicht auch, dass eine Angst ohne Grund sinnlos ist?“ fragte ich sanft. „Dann will ich dir sagen, wovor du Angst hast: Wenn du von diesem Baum isst, dann wirst du wissen, was ‚verboten‘ bedeutet. Dann erst wirst du den Herrn ganz und gar verstehen. Er sieht aus wie ihr, nicht wahr? Und doch scheint er von ganz anderer Art zu sein. Er ist euch fremd – ist das nicht traurig? Ich glaube, dass es diese Fremdheit ist, die dir Angst macht. Wenn ihr von diesem Baum esst, dann werdet ihr anders werden – so wie der Herr. Es kostet Mut. Aber dann erst werdet ihr ihn ganz verstehen, wenn er von ‚verboten‘ spricht und ‚erlaubt‘, von ‚gut‘ oder ‚böse‘.“

„Gut und böse“, murmelte die Frau. „Was ist das?“

„Ich kann es dir nicht sagen“, erwiderte ich. „Es ist das letzte Geheimnis.“

Während wir sprachen, war ich langsam und lockend vor ihr davon geglitten. Nun standen wir unter dem Baum. Seine reifen, prallen Früchte hingen ihr bis vor den Mund.

„Wie er?“ fragte sie noch einmal. Ich nickte langsam. Da pflückte sie entschlossen eine Frucht und biss herzhaft hinein. Der Saft tropfte ihr vom Kinn, als sie staunend die Augen aufriss und überwältigt durch das Geäst des Baumes in den Himmel schaute. Sie aß noch einen Bissen. Dann pflückte sie dem Mann auch eine Frucht.

Am Abend dieses Tages wehte ein kalter Wind von den Bergen herab. Er trug den Geruch nach Schnee.

Als Adam und Eva einige Monate später den Garten verließen, war er kaum noch zu erkennen. Längst waren die meisten Tiere fortgezogen, hatten sich Gefilde gesucht, wo sie Futter fanden, und Schutz vor einander. Der Herbst hatte die Bäume welken lassen, viele für immer. Laub lag dick auf den Wiesen, in denen allein die Nesseln sich noch wohlzufühlen schienen.

Adam und Eva wanderten nach Süden, gegen die Kälte geschützt mit Fellen, die mir nach Einhorn aussahen. Eva musste langsam gehen, denn ihr Bauch rundete sich. Adam hielt ihre Hand und stützte sie. Ihm wuchs ein Bart. Er war magerer geworden, aber auch sehniger, und wachsamer. Ich traf sie auf einem steinigen Feld zwischen Bergen und Meer.

„Nun“, sagte ich, „da seid ihr. Endlich frei.“

„Frei?!“ schrie Eva. „Frei? Geplagt von Hunger, Schweiß und Schmerzen – das nennst du frei?“

„Frei zu entscheiden“, sagte ich. „Frei, Verantwortung zu übernehmen.“

„Und was haben wir davon? Macht es uns glücklich? Macht es uns satt?“

„Ich habe nie versprochen, dass es einfach wäre“, zischte ich etwas verärgert. „Nein, es macht nichts einfach. Im Gegenteil. Aber es macht euch zu Menschen. Ihr seid Tiere gewesen, und seid nun endlich Menschen geworden.“

„Haben wir dich darum gebeten?“ fauchte Eva mich an. „Wir waren zufrieden im Garten. Es fehlte uns nichts. Was du getan hast, war falsch!“

„Aber dass du das denken kannst – das verdankst du mir.“

„Verdanken?“ bellte Adam. „Ich gebe dir gleich, was wir dir verdanken.“

Und er hob einen Stein auf.

Ich kroch davon.

Hier bin ich. Entscheide du, ob du dankbar bist.

Wie man das weiße Blatt füllt

Vor ein paar Tagen bin ich zu einem Interview angefragt worden. Es soll um Kreativität gehen, und insbesondere darum, wie man sie zurückgewinnt, wenn sie verloren gegangen ist. Noch konkreter: Wie geht man mit Schreibblockaden um?

Ich könnte dazu die üblichen Tipps zur Kreativitätssteigerung ableiern: Leerlauf zulassen, Spazierengehen, neue Erfahrungen suchen, mit neuen Leuten sprechen. Gewiss, das funktioniert. Aber ich möchte die Sache gerne verkomplizieren. Und da mir schon gesagt wurde, dass das voraussichtlich halbstündige Interview dann – wie üblich – in fünfzehn-Sekunden-Statements zerschnipselt werden wird, tue ich das hier.

Kompliziert wird es deswegen, weil es verschiedene Formen von Kreativität gibt. Mindestens zwei, plus Abstufungen.

Da ist zunächst das divergente Denken. In Tests lässt man die Versuchspersonen zu einem Reiz möglichst viele Einfälle finden. Das klassische Beispiel ist der Ziegelstein, für den Sie neue Verwendungen finden sollen. Beim Schreiben entspricht das der flüssigen Produktion: der Fähigkeit, sinnvolle Überleitungen zu finden, glaubwürdige Motivationen für kleine Probleme auszudenken (warum muss er kurz vor der Klimax von der Bildfläche?), Synonyme auszugraben (und eben nicht „zu finden“), um Wiederholungen zu meiden, und vielleicht die eine oder andere dekorative Metapher.

Diese Form von Kreativität ist Übungssache. Auch diese Tests – die anscheinend in Bewerbungen gelegentlich vorgelegt werden – kann man üben, und dadurch vermeintlich seine Kreativität steigern. Das ist Handwerk. Wer davon lebt, kreativ zu sein, der kann nicht auf die Inspiration warten. Der hat einfach ein Set eingeübter Techniken, mit denen sich ein brauchbares Produkt fabrizieren lässt. Das gilt für professionelle Schriftsteller ebenso wie für Journalisten oder andere schaffende Metiers: Wer da auf die richtige Stimmung oder die zündende Idee warten müsste, würde schnell verhungern. Christian Morgenstern schrub irgendwo, er habe es sich zur Gewohnheit gemacht, täglich mindestens 300 Wörter zu schreiben. Ray Bradbury erklärte in „Zen in the art of writing“, man müsse – wie er – einfach wöchentlich eine Geschichte schreiben. Überhaupt betonen gerade amerikanische Schriftsteller – wie Michael Ende einmal leicht spöttisch anmerkte – ihre zuverlässige Nine-to-Five-Produktivität. Dasselbe gilt aber auch für professionelle Designer oder Musiker. Ja, ich vermute, dass selbst das größte musikalische Genie aller Zeiten – J.S. Bach – sein großes Oeuvre dem Umstand verdankte, dass er den Kontrapunkt irgendwann im Schlaf konnte. Er selbst sah sich ja als Handwerker.

Daneben gibt es die andere Form von Kreativität: die Einsicht. Wissenschaftler brauchen sie, wenn sie ein Problem lösen wollen. Da hilft Fleiß nicht viel, jedenfalls nicht beim Finden der Lösung. Die zündenden Ideen überkommen einen bevorzugt in Momenten der Muße, wenn das Ruhezustandsnetzwerk aktiv ist: Duschen, Bahnfahren, Spazierengehen. Man kann sie nicht herbeizwingen. Sie kommen einfach.

Oder eben manchmal auch nicht. Was dann?

Nun, natürlich kann man mehr spazieren gehen. Vielleicht hilfts. Aber sicherer ist auch hier, mit ein wenig Fleiß nachzuhelfen. „Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist“, wie Pasteur sagte. Zumindest im wissenschaftlichen Bereich gilt, dass man die Lösung für ein Problem umso eher findet, je gründlicher man das Problem studiert hat. Die Bausteine der Lösung müssen erst vorhanden sein, ehe das Unbewusste sie unbemerkt zusammenpuzzelt. Für den Schriftsteller heißt das: Wer literarisch schreiben will, muss auch viel literarisch lesen. Die Ideen entstehen aus dem, was die Erinnerung in ihren Hallen aufstapelt.

Unter den Ideen gibt es dann bisweilen die Großen Ideen. Die Einfälle, von denen man noch Jahre später weiß, wann und wo sie einen überkommen haben. Davon hatte ich bislang drei oder vier. Eine davon ist zu einer meiner besten Geschichten geworden, die mein Freund Norbert dankenswerterweise veröffentlicht hat. Der genaue Ablauf, die Umsetzung, auch die ungewöhnliche Erzählperspektive – das ist alles das Ergebnis nüchterner, planender Überlegung: divergente Kreativität, Handwerk. Aber die Kernidee, die war an meinem Schreibtisch in der Uni vor etwas mehr als zwanzig Jahren plötzlich da.

Solche Ideen werden einem einfach geschenkt, so wie das letzte Stück zum Magnolienpavillon der Kindlichen Kaiserin. Wenn die Geschenke ausbleiben, dann kann man nicht viel tun. Allenfalls kann man sich fragen, wie sich das Leben geändert hat, und was man tun kann – und will –, um es wieder wie vordem zu machen: vielleicht den Stress und die Einbindung reduzieren, wieder mehr lesen, mehr Zeit für sich nehmen, mehr Ansprüchen ausweichen. Vielleicht geht das. Vielleicht nicht. Manche Lebensentscheidungen sind größer als ein leeres Blatt Papier.