Fazit 2 : Die Welt ist nicht geheuer.

Man kann aus der kleinen Irrwissen-Reihe noch ein weiteres kleines und, wie ich finde, tröstliches Fazit ziehen: Die Welt ist nicht geheuer.

So endet eine kleine Groteske von Hans Reimann, die ich vor vielen Jahren spät abends im Radio vorgelesen hörte. Sie war mit Beethovens „Für Elise“ unterlegt, und dies ergab zusammen mit der Dunkelheit vor dem Fenster eine Stimmung, die ich hier nicht wiedergeben kann. Die Geschichte ist eigentlich ganz konventionell: Eine skurrile bis surreale Traumerzählung, an deren Details ich mich nicht erinnere, und als der Ich-Erzähler erwacht, findet er einen Gegenstand aus dem Traum in seinem Zimmer wieder. So weit, so bekannt, aber dann endet diese Geschichte mit der so lakonischen wie apodiktischen Feststellung: „Die Welt ist nicht geheuer“, und dazu klingt „Für Elise“ aus.

Seither ist mir dieser Satz fast so etwas wie ein Wahlspruch geworden. Die Welt ist nicht geheuer. Sie ist für den rationalen Geist nie ganz zu erfassen, nie widerspruchsfrei, ordentlich und aufgeräumt. Selbst wenn wir die Irrtümer der Theorien anerkennen, die ich in dieser Serie denunziert habe, sind wir der „Wahrheit“ damit doch eigentlich nicht näher. Die physikalistische Erklärung des Bewusstseins ist falsch, aber kaum jemand ist bereit, stattdessen die idealistische Theorie zu akzeptieren, die gar zu sehr nach Solipsismus klingt. Und was Besseres als Urknall und Evolution hat vermutlich derzeit keiner zu bieten. Wahrscheinlich sind diese großen Fragen der Wissenschaft und Philosophie schlicht unlösbar (womit wir wieder beim „ignoramus et ignorabismus“ sind). Was die Welt im Innersten zusammenhält, werden wir nie ergründen; der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns werden ewige Rätsel bleiben.

Und das ist gut so. Die Welt bewahrt ein Geheimnis. Sie ist niemals endgültig, klar, beherrschbar. Sie bietet immer neue Zugänge, neue Erkenntnisse, neue Spiele. Sie hat ihre dunklen Winkel, in denen Unbekanntes, Unerhörtes und Schönes lauert. Sie überrascht uns, erschreckt uns, und legt sich nicht fest. Sie kann morgen anders sein. Sie verlacht Logik und Vernunft und lädt uns dadurch ein, es mit Intuition und Vertrauen zu versuchen. Die Welt ist groß, vielfältig, fremd, schön, aber: Sie ist nicht geheuer.

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3 Kommentare zu “Fazit 2 : Die Welt ist nicht geheuer.

  1. Radegundis sagt:

    „Die Welt ist nicht geheuer.“ Das stimmt, sie ist nicht eindeutig fassbar. Automatisch denkt man bei deinem Beitrag an die Gruppe der Autoren, die genau dieses Gefühl in ihren Erzählungen darstellten, die dann als zum „realismo mágico“ zugehörig bezeichnet wurden. Julio Cortázar, Mario Benedetti, Jorge Luis Borges, Marco Denevi oder Juan José Arreola gehören dazu.
    Vielleicht ist ja die Vorlesung von Julio Cortázar mit dem Titel „El sentimiento de lo fantástico“ bekannt, hier sicherheitshalber der Link:

    http://www.ciudadseva.com/textos/teoria/opin/cortaz5.htm

    Besonders gut gefällt mir folgender Satz:
    Yo vi siempre el mundo de una manera distinta, sentí siempre, que entre dos cosas que parecen perfectamente delimitadas y separadas, hay intersticios por los cuales, para mí al menos, pasaba, se colaba, un elemento, que no podía explicarse con leyes, que no podía explicarse con lógica, que no podía explicarse con la inteligencia razonante.

    „Intersticios“, Zwischenräume zwischen zwei klar definierten vermeintlich realen Dingen.

    „Die Welt ist nicht geheuer“ – hier schwingt natürlich die negative, beängstigende Konnotation der Worte sehr laut mit.
    Die lateinamerikanischen Autoren sehen dies sicherlich umfassender. Sie spürten natürlich auch die Absurdität der vermeintlichen Realität, das Außerkraftsetzen der Regeln der Logik, insbesondere zu Zeiten der Diktaturen. Gleichzeitig aber spürten sie durch diese Wahrnehmung dieser „Intersticios“ Freiräume, die Möglichkeit, entgegen aller Zwänge, ihre Welt mit eigenen Empfindungen wahrzunehmen, ihr Recht auf Individualität.

    Ich freue mich auf weitere deiner Beiträge!
    Herzliche Grüße
    Radegundis

    • Liebe Radegundis,

      es ist manchmal erstaunlich, wie Verwandtschaften im Denken implizit erkennbar werden. Denn dass ich ein großer Verehrer der lateinamerikanischen Literatur bin, hatte ich, glaube ich, noch nirgends gesagt oder gezeigt. Umso mehr freut es mich, wenn man es merkt.
      Ich danke Dir sehr für Deinen schönen und klugen Beitrag, der den Schwarzen Kater sehr bereichert.

      Liebe Grüße,
      Konrad

  2. […] zuletzt auch eine Einladung zum Abenteuer. Wer allein reist, kann ungeahnte Dinge erleben (denn die Welt ist nicht geheuer). Vermutlich wird sie ihm niemand […]

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